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Dialog-Predigt (1. Seligpreisung Teil 1)
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. (Matthäus 5, 3)
Liebe Gemeinde,
möchten Sie „arm dran sein“?
Wenn wir davon sprechen, dass jemand arm dran ist, oder wenn wir sagen, dass jemand armselig aussieht, dann schwingt darin immer etwas Mitleidvolles mit und auch die unausgesprochene Botschaft, „wie gut, dass es mir nicht so geht, wie gut, dass ich nicht in der Haut des Anderen stecke“.
Arm dran zu sein, das ist kein erstrebenswerter Zustand für uns. In eine solche Situation möchten wir möglichst nicht kommen. Wenn jemand arm dran ist, dann klingt das nach einer ausweglosen Situation, in der er oder sie nicht mehr viel machen kann, in der man in die Passivität gedrängt wird, in der man anscheinend keine Handlungsspielräume mehr hat.
Aber eigentlich sieht unser Menschenbild heutzutage anders aus. Wir möchten selbstverantwortlich handeln und leben. Wir möchten zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen und frei entscheiden können. Sich dann in einer Situation wieder zu finden, wo uns gar keine Entscheidungsmöglichkeiten bleiben, ist für uns nicht angenehm. Wir stoßen darin plötzlich auf die Grenzen unserer Möglichkeiten und Kräfte. Und wir merken, wie sehr wir abhängig sind von Anderen und von unbewussten emotionalen Kräften in uns selbst.
Und dies gilt sicher auch für unseren Glauben, für unsere Frömmigkeit (wie man früher sagte), für unsere Spiritualität (wie man heute sagt). Auch für ihren persönlichen Glauben suchen sich Menschen heutzutage das aus den verschiedenen Konfessionen und Religionen heraus, was sie persönlich anspricht. Auch in Fragen des Glaubens leben wir nach dem Idealbild von selbstverantwortlichen Menschen, die sich nicht von anderen Autoritäten vorschreiben lassen, was sie in religiösen Dingen zu denken und zu glauben haben.
„Geistlich arm zu sein“, gilt dabei nicht als erstrebenswertes Ziel. Das klingt eher nach „minderbemittelt“, und wer von uns möchte sich schon so titulieren lassen?! Viel eher möchten wir auch in Fragen des Glaubens und der Religion geistlich kompetente Menschen sein, die anderen gegenüber klar und verständlich begründen können, was sie im Leben hält und trägt, und worauf ihre Hoffnung über den Tod hinaus gründet. Religiöse Kompetenz streben wir an. Und allen Skeptikern und Kritikern gegenüber der Religion wollen wir deutlich machen, dass es durchaus gute Gründe gibt, an Gott zu glauben.
„Geistlich arm zu sein“, passt da nicht in unser Konzept des auch in religiöser Hinsicht selbstverantwortlich lebenden Menschen. Oder wie siehst Du das?
(1. Seligpreisung Teil 2)
Ich habe lange darüber nachgedacht, was Jesus mit seinen Worten gemeint haben kann: „Selig sind, die geistlich arm sind…“ Ich glaube nicht, dass er damit die „Minderbemittelten“ meinte. Wenn es so wäre, würde Jesus ganz schön überheblich sein, aber das war er mit Sicherheit nicht!
Was heißt "geistlich arm" - "arm im Geist" - "armselig" zu sein? Ist das wirklich eine positive Eigenschaft? Für Gott offensichtlich schon.
"Geistlich arm" kann heißen: "die eigene Armut vor Gott (an)erkennen". Diese Deutung bringt mich zum Nachdenken.
Bei uns Menschen ist es meistens so: Wir versuchen immer wieder, nicht zu kurz zu kommen und gieren nach Anerkennung von Anderen. Und ständig schleichen sich Zweifel, Lügen ein, oft setzen wir eine Maske vor unser wahres Gesicht.
Einer Macht jedoch entgeht das nicht. Gott allein weiß, wie es wirklich um uns steht, noch ehe wir es aussprechen können. Gott schaut uns ins Herz. Es gelingt uns nicht, etwas zu verbergen. Selig sind die, die das erkennen und annehmen.
Selig sind, die geistlich arm sind; die ehrlich zu sich selbst sein können und sich ihre eigene Unzulänglichkeit und Begrenztheit eingestehen. Martin Luthers letzte Worte waren "Wir sind Bettler, das ist wahr!" Uns Christinnen und Christen treibt es nicht zur Verzweiflung "bettelarm im Geist" zu sein. Denn wir haben einen Gott, der uns trotzdem für wertvoll und liebenswert hält.
Die erste Seligpreisung sagt mir, dass "geistlich arm" eine innere Haltung ist: die innere Armut, die vor Gott und den Menschen weiß, dass aller Besitz und dass alles Haben nichts zählen.
Aber wer gibt schon gern zu, dass er oder sie arm dran ist? Wo bekommen wir Anerkennung dafür, dass wir ehrlich zu uns selbst sind und zugeben, dass wir niemals schaffen können, was von uns verlangt wird? Ja, es ist kaum zu glauben, dass mich jemand liebt, obwohl ich so gut wie keine seiner Vorstellungen von einer Beziehung erfülle. Erlebe ich doch, dass zwischenmenschliche Freundschaften und Liebesbeziehungen auf ein Geben und Nehmen hin ausgerichtet sind. Doch was Gott von mir fordert, kann ich nicht einhalten. Das geht soweit, dass es mir oft schwer fällt, Gott zu vertrauen und ihn ganz und gar zu lieben. Wäre das nicht ein Grund, die Beziehung von seiner Seite aus zu beenden? Verstehen könnte ich es.
Aber - bei Gott sind die Maßstäbe anders. Gott macht keine Unterschiede. Gott liebt alle Menschen gleich, ohne auf Leistungen zu schauen. Gott glaubt an uns. Gott lädt uns immer wieder zu sich ein. Seine Arme sind immer geöffnet.
Ich lese die Seligpreisungen nicht als einen Moralkatalog oder eine Forderung, sondern als einen Zuspruch. Sie zeigen mir, was geschieht, wenn ich mich - mit all meiner geistigen und geistlichen Begrenztheit - auf Gott einlasse: Trost und Befreiung davon, endlichen Ansprüchen genügen zu müssen, um vor Gott gerecht zu sein.
Dialog-Predigt (1. Seligpreisung Teil 3)
An dieser Stelle habe ich nun wirklich meine Frage an Matthäus. Es ist ja wirklich gut und schön, wenn er von Demut und Bescheidenheit spricht, davon, sich selbst nicht zu überschätzen. Es gibt viel Überheblichkeit zwischen den Menschen, auch fromme Überheblichkeit.
Aber meine Frage an Matthäus ist dennoch, was ist mit den wirklich armen Menschen? Mit den Menschen, die in materieller Not leben, die täglich um ihre Lebensgrundlage kämpfen müssen, weil sie nicht genug zum Essen und zum Leben haben. Erleben wir nicht gerade, wie die Schere zwischen Armen und Reichen immer weiter auseinander geht? Da sind auf der einen Seite diejenigen, die in unermesslichem Luxus schwelgen und auf der anderen Seite diejenigen, die kaum genug zum Leben haben. Das ist doch ungerecht. Aber dazu sagt Matthäus gar nichts. Vor diesem Problem, das es auch schon zu seiner Zeit gab, verschließt er die Augen. Er spricht von geistlicher Armut, aber die wirkliche Armut, die materielle Not kommt bei ihm nicht in den Blick.
Den Menschen, die von Hunger und Existenzsorgen verfolgt werden, hilft es wenig, wenn man zu ihnen sagt: Lebt demütig und bescheiden. Sie brauchen viel mehr die Ermutigung, für ihre Rechte zu kämpfen, sich nicht abspeisen zu lassen mit Almosen. Sie brauchen Ermutigung, damit sie sich nicht Schicksals ergeben abfinden mit ihrer bedrückenden Lebenssituation. Wie kann denn das gerecht sein, dass die einen Jahresgehälter von mehreren Millionen erhalten und die anderen sich abfinden müssen mit Hartz IV?!
Aber dazu schweigt Matthäus. Er vergeistigt den Glauben und unterschlägt dabei, dass es Jesus auch darum ging, das alltägliche Brot, also die materiellen Güter des Lebens miteinander zu teilen. So wie die Speisungswunder der Bibel uns das erzählen, etwa die Speisung der 5000. Jesus fragt seine Jünger, also die Menschen, die ihm nachfolgen: „Was habt ihr?“ und dann teilen sie miteinander das, was sie haben. Und siehe, es reicht für alle. Es ist genug zum Leben da, wenn wir wirklich ernst damit machen und das miteinander teilen, was wir an Lebensgütern haben.
Von dieser hoffnungsvollen Perspektive ist der Evangelist Lukas bewegt. Für ihn ist der Glaube mehr als nur „eine innere Haltung“. In seiner Überlieferung der Seligpreisungen Jesu heißt es darum auch: „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer.“ (Lukas 6, 20 b) Lukas spricht die Armen direkt an, er sieht ihre Not und verheißt ihnen, dass ihre Lebenssituation sich zum Besseren wenden wird. Er gibt ihnen Hoffnung und eröffnet ihnen eine Perspektive für die Zukunft. Lukas verkürzt den Glauben nicht auf eine nur geistige Ebene, sondern er macht deutlich, dass der Glaube auch damit zu tun hat, dass wir die Lebensgüter –das, was wir zum Leben brauchen- auch wirklich miteinander teilen. Denn wie könnte ich sagen, „Ich liebe Gott und meinen Nächsten“, wenn dies nicht auch Auswirkungen hat auf meine Lebenspraxis, auf unseren Umgang miteinander?!
(1. Seligpreisung Teil 4)
Ich kann deine Einwände gut verstehen! Vielen Menschen sind die Seligpreisungen tatsächlich zu „geistlich“, zu unpolitisch, zu weltfremd. Und was bedeutet dabei die Verheißung vom Himmelreich? Ist damit nicht alles ins Jenseits gerückt, auf später verschoben? Wo bleiben dabei die Veränderungen hier und jetzt, in der Gegenwart und in dieser Welt?
Ich nehme diese Kritikerinnen und Kritiker ernst, dennoch teile ich ihre Meinung nicht. Für mich haben die Seligpreisungen wohl ein „revolutionäres“ Potential. Mit seinen Worten rückt Jesus Menschen in den Mittelpunkt, die sonst immer nur am Rande von allem gewesen sind. Menschen, die nach den Maßstäben dieser Welt nichts zu melden hatten. Damals wie heute. Jesus macht diese Frauen und Männer zu zentralen Protagonisten der Geschichte Gottes mit den Menschen.
Die Seligpreisungen sind eine große Umwälzung von Werten und Normen, die rein menschlich sind, zugunsten von anderen Werten, die groß vor Gott sind. Armut, Sanftmut, Gewaltlosigkeit, Bereitschaft, Leidvolles ertragen, Streben nach Gerechtigkeit und Frieden. All das ist für die Welt Zeichen von Schwäche, für Gott aber Zeichen von Stärke.
Wer danach lebt, mag klein und wertlos vor den Menschen sein, ist aber wichtig und wertgeschätzt vor Gott.
Wer danach lebt, trägt schon hier und jetzt dazu bei, Gottes Reich zu formen, ihm Gestalt zu geben.
Keine Vertröstung, kein Abschieben auf selige Höhen einer unbestimmten Zukunft. Das Reich Gottes ist schon jetzt mitten unter uns!
Amen
Pastorin Casonato, Pastor Helmut Kirst
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