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Apostelandacht vom Pfingstmontag, d. 01. Juni 2009 zu Karl Barth

Biografisches zu Karl Barth

Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 im schweizerischen Basel geboren.

Seine Eltern waren tief in der Tradition des christlichen Glaubens verwurzelt: Die Mutter Anna war die Tochter eines Pastors, sein Vater Fritz hatte einen Abschluss in Theologie und war Lehrer an der Predigerschule in Basel.

Seine Entscheidung für ein Theologiestudium traf Karl Barth im Laufe seines Konfirmandenunterrichts. Er begann sein Studium in Bern und setzte es in Berlin und Tübingen fort und beendete es schließlich in Marburg.

Während dieser ganzen Zeit stritt er sich ständig mit seinem Vater über die Richtung seiner Ausbildung. Während sein Vater eine konservative Theologie bevorzugte, zog es jungen Heinrich Barth zu den liberalen, vom Geist der Aufklärung geprägten Hochschulen.

Er begann seine Karriere zunächst als Hilfspastor der reformierten Gemeinde in Genf und zog nach 2 Jahren in das kleine schweizerische Dorf Safenwil, wo er 10 Jahre seines Lebens als Pastor verbrachte.

Mehrere Faktoren führten in dieser Zeit zu seinem Bruch mit dem Liberalismus. Während der ersten Jahre in Safenwil kam Barth mit der schweizerischen sozialdemokratischen Bewegung in Berührung und machte sich zunehmend Sorgen über die Nöte der Arbeiterklasse. Es gab zu der Zeit etliche Christen, die glaubten, dass der angewendete Sozialismus die Umsetzung der christlichen Theorie war. Das ging so weit, das mancher im weltlichen demokratischen Sozialismus einen Vorboten des Reiches Gottes sah.

Barth beobachtete den Klassenkonflikt in seiner Dorfgemeinde genau und studierte in dem Zusammenhang das Fabrikrecht, das Versicherungswesen und die Gewerkschaftsbewegungen. Es wurde zum überzeugten Sozialisten, hielt zahlreiche Ansprachen über den Sozialismus und veranstaltete Abendkurse für Arbeiter. Er bekam den Beinamen „roter Pastor von Safenwil“. Sein Vertrauen in den bürgerlichen Religionsethos und in die Annahmen des Liberalismus wurde damit untergraben.

Eine weitere Ursache seiner Abwendung von der liberalen Theologie war wohl der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914. Barth war schockiert, dass seine ehemaligen Lehrer eine Erklärung zur Unterstützung des Krieges unterzeichnet hatten.

Er hielt das für einen Verrat am christlichen Glauben.

Der Gott der liberalen Theologie schien so zu funktionieren, dass er lediglich die Werte und Normen, welche die Gesellschaft etabliert hatte, sanktionierte und mit einem göttlichen Siegel der Billigung ausstattete.

Für Barth war liberales Reden jetzt nur noch ein Reden über die Menschheit mit einer lauteren Stimme.

Liberale Theologen werteten die Bibel nicht als Wort Gottes im strengen Sinne. Ihre Inhalte galten eher einer Sammlung symbolischer Dokumente.

Barth dagegen war überzeugt, dass diese Herangehensweise zur Domestizierung der Bibel und ihrer Botschaft, zu einer Umformung für den Hausgebrauch führt, und damit auch zur Domestizierung Gottes, den die Schrift bezeugt.

Er wollte eine Art der Bibellektüre, die sich mehr auf Gott konzentrierte statt auf den liberalen Ausgangspunkt der menschlichen Erfahrung. Die Bibel erzählt für ihn nicht von Geschichte, Moral oder Religion, sondern von Gott.

Es sind nicht die rechten Menschengedanken über Gott, sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen, die den Inhalt der Bibel ausmachen.

Barth schreibt:

„Über den liberal-theologischen und über den religiös-sozialen Problemkreis hinaus begann mir doch der Gedanke des Reiches Gottes in dem biblisch real-jenseitigen Sinn des Begriffs immer dringlicher und damit die Bibel immer problematischer zu werden.“

So wandte sich Barth im Sommer 1916 einem intensiven Studium des Römerbriefes zu. Daraus entstand ein Kommentar, der eine neue Vorstellung von Theologie einleitet.

Für Barth hat das Wahrnehmen der Stimme und des Willens Gottes bei der Lektüre der Schrift den höchsten Stellenwert. Gelehrsamkeit ist hierfür zwar nützlich, aber sie darf in keinem Fall die Inspiration der Bibel ersetzen oder verdrängen. Er schreibt:

„Meine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, durch das Historische hindurch zu sehen in den Geist der Bibel, der der ewige Geist ist. Wir müssen in einer Weise über Gott sprechen und ihm dienen, die sowohl unserem Status als irdische Wesen als auch Gottes Status als unendlichem Schöpfer gerecht wird. Gott ist im Himmel, wir sind auf der Erde.“

Und so entwickelt Barth eine dialektische Herangehensweise an die menschliche Sprache und das Sprechen über Gott. Er spricht von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus als dem Zentrum des menschlichen Wissens von Gott – erklärt aber gleichzeitig, dass menschliche Wesen nicht fähig sind, das Offenbarte zu begreifen.

Barth schreibt:

„Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides wissen, unser Sollen und unser Nicht-Können, und eben damit Gott die Ehre geben.“

Barths Römerbriefkommentar und seine zunehmende Prominenz in Deutschland trugen 1921 zu seiner Ernennung zum Honorarprofessor für reformierte Theologie an der Universität Göttingen bei.

Die Wandlung vom Gemeindepastor zum Universitätsprofessor forderte seine ganze Arbeitskraft. Er erkannte, dass seine neue Tätigkeit eine Breite von Wissen erforderte, über die er nicht verfügte. Aber er bemerkte:

„Studenten interessieren sich besonders für einen Professor, der sozusagen selber noch Student ist.“

Er hielt in dieser Zeit auch viele Vorträge, in denen er seine dialektische Theologie weiter ausformuliert und bekannt machte:

„Wir können nicht von Gott sprechen. Vom Standpunkt der Menschen aus ist Theologie eine Unmöglichkeit. Theologie wird nur dort möglich, wo Gott spricht, wenn von Gott gesprochen wird. Die Menschen haben aber keine Kontrolle über diese selbstoffenbarende Sprache, sie sind bei der theologischen Arbeit immer von Gott abhängig.

Theologie wird nur durch die Gnade Gottes möglich, in der Gott menschliche Worte aufnimmt und sie trotz ihrer Unzulänglichkeit zur Selbstoffenbarung verwendet.“

Anfang 1924 begann Barth mit Vorlesungen zur Dogmatik, die schließlich in seinem monumentalen Lebenswerk, der „Kirchlichen Dogmatik“ über rund 10.000 Buchseiten veröffentlicht wurden.

Dogmatik bezeichnet den Versuch, den charakteristischen Inhalt des christlichen Glaubens für die Kirche zu verdeutlichen. Außerdem ist sie auch eine Untersuchung des Inhalts der christlichen Theologie mit einem praktischen Ziel: nämlich wie dieser Inhalt am besten in jeder neuen Umgebung vermittelt werden könnte.

Nach 4 Göttinger Jahren erhielt Barth einen Ruf an die Universität Münster. Münster ist stark katholisch geprägt und daher setzte sich Barth in dieser Zeit auch intensiv mit den Unterschieden zwischen Katholizismus und Protestantismus auseinander.

Der zentrale Unterschied betrifft die Natur der Gnade.

Die katholische Kirche sieht sich ermächtigt, Gnade durch ihre Gegenwart, ihr Amt und ihre Sakramente zu kommunizieren.

Für Protestanten hat die Kirche nicht die geringste Macht oder Kontrolle über die Gnade. Die Kirche in der Welt ist zwar als Instrument Gottes eine sichtbare und historische Institution, hat aber keinerlei Kontrolle über die Verteilung der Gnade in der Welt.

Dieses Vorrecht gehört Gott und nur Gott allein. Würde die Gnade unter menschliche Kontrolle geraten, wäre sie eben nicht mehr die Gnade Gottes. Somit hat weder die Kirche noch irgendein Individuum in der Kirche einen Anspruch auf die Gnade Gottes.

„Aufgabe der Kirche kann nur darin bestehen, dass sie in ihrer ehrlich eingestanden Armut das Wort des ewig reichen Gottes hört und zu Gehör bringt.“

Im März 1930 zog Barth an die Universität Bonn, wodurch sich dort die Anzahl der Studenten sofort verdoppelte. Barth erkannte die extreme Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging. Er trat aus Protest gegen die Bedrohung der Demokratie in die SPD ein.

Die Unterstützung des Nationalsozialismus erstreckte sich bis in die Kirche hinein. Die sogenannten „Deutschen Christen“ formierten sich im Juni 1932 und vereinbarten nach der Machtergreifung mit Adolf Hitler die Gründung einer evangelischen Reichskirche.

Als Gegenbewegung und vor allem gegen die Einmischung der Nationalsozialisten in das Leben der Kirche gründete Martin Niemöller den Pfarrernotbund und es entstand die „Bekennende Kirche“.

Vom 29. bis 31. Mai 1934, also vor genau 75 Jahren, nahmen Gesandte aus allen Teilen Deutschlands an der ersten Bekennenden Synode der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen teil.

Karl Barth formulierte zusammen mit anderen die „Barmer Theologische Erklärung“. Die erste These gibt mit einer direkten Erklärung den Ton des ganzen Dokuments an:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören und dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Gegen den Nationalsozialismus gerichtet war vor allem eine Passage aus der 5. These:

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“

Gegen die deutschen Christen richtete sich der dann folgende Satz:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als soll und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“

Barths Opposition gegen den Nationalsozialismus führte dazu, dass er den uneingeschränkten Treueid auf den Führer verweigerte. Daraufhin wurde er von seinen Lehrpflichten in Bonn suspendiert und aus seiner Professorenstelle entfernt.

Drei Tage nach seiner Kündigung in Bonn erhielt er ein Angebot auf einen theologischen Lehrstuhl der Universität Basel, den er sofort annahm. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1962.

In diesen Jahren in Basel war er unendlich produktiv und verfasste zahlreiche Werke, worunter die vier Bände der „Kirchlichen Dogmatik“ zu den bedeutendsten zählen.

Die Theologie ist für Barth vollkommen abhängig von Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus. Dies ist ihre einzig mögliche Grundlage. Wir müssen zunächst glauben und können erst dann versuchen zu verstehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.

Diesen theologischen Ansatz haben wir auch mit dem Zitat aus seinem Römerbrief in unserem Plakat zur heutigen Andacht deutlich gemacht:

„Jesus Christus ist unser Herr, das ist die Heilsbotschaft, das ist der Sinn der Geschichte.“

Er lehnt die Annahme der modernen Theologie ab, dass die Rationalität des christlichen Glaubens fragwürdig oder unhaltbar sei und folglich ihre grundlegenden Begriffe aus anderen Wissenschaften ableiten müsse, wie beispielsweise der Geschichtswissenschaft oder der Philosophie.

Stattdessen sollen wir beten, dass Gott sich uns während unseres Suchens und Erforschens mit unserem endlichen Wissen und begrenzten Verständnis (als gnädiger Gott) selbst offenbare.

Was bedeutet das für unser Handeln in der Welt, also ethisch?

Dem Namen Jesus den ethischen Vorrang zu geben, heißt zu fordern, dass wir uns bei unseren Handlungen immer fragen sollen: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Wir sollen das tun, was der Gnade Gottes entspricht. Wir sollen mit unserem Tun Rechenschaft ablegen dieser Gnade gegenüber. Ihr allein sind wir verantwortlich. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet.

Gemäß dieser Maxime wendete sich Barth kompromisslos gegen die verbrecherische Herrschaft der Nationalsozialisten.

Mit Misstrauen verfolgte er nach dem Krieg den politischen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland und seine restaurativen Tendenzen. „Viel Geld und wenig Geist“ kommentiert er den Wiederaufbau in einem Interview.

Er äußerte sich kritisch zur Aufrüstung, zu Fragen atomarer Bewaffnung, zum prinzipiellen Antikommunismus des Westens. Er kontert den Vorwurf, er sei Kommunist geworden: Die Probleme der Welt würden nicht durch Abwehrideologien des christlichen Abendlandes, sondern nur durch eine bessere Gerechtigkeit gelöst. Der Christ stehe um des Menschen willen zwischen den Fronten. In der Entwicklung der Evangelischen Kirche beobachtete er mit Sorge die restaurativen Tendenzen.

Im Jahre 1969 sollte Karl Barth auf einer Ökumenischen Woche vor katholischen und reformierten Christen einen Vortrag halten. Er wollte ihn unter das Motto stellen: „Aufbrechen, Umkehren, Bekennen.

Am Abend des 9. Dezember 1968 unterbricht er seine Arbeit an diesem Vortrag. In der Nacht darauf ist er gestorben.

Hans Küng berichtet auf der Trauerfeier von einem Gespräch mit ihm. Er sagte:
“Wenn einmal der Tag kommt, da ich vor meinen Herrn zu treten habe, dann werde ich nicht mit meinen Werken kommen, mit meinen Dogmatikbändchen auf dem Rücken in der Hutte, im Rückentragekorb. Da müssten alle Engel lachen. Dann wird ich aber auch nicht sagen: Ich habe es immer gut gemeint, ich hatte den guten Glauben. Nein, dann werde ich nur das eine sagen: Herr, sei mir armem Sünder gnädig.“

Theologie Karl Barth

Wenn die Theologie, wie es der unvergessene Heinz Zahrnt ausdrückt, an der Größe ihres Gegenstandes scheitert, so stehen wir im Falle Karl Barths allerdings vor einem Scheitern in kaum noch überschaubarer Tiefe, Breite und Dichte. Aus demselben Grund wäre auch jeder Versuch aussichtslos, seinen theologischen Entwurf an dieser Stelle umfassend würdigen zu wollen. Mir wird nicht mehr möglich sein, als die Bedeutung Barths anzudeuten und - hoffentlich - weiterführende Neugierde zu wecken.

So weitverzweigt und anspruchsvoll Karl Barths Theologie ist, so simpel und naheliegend war sein Ausgangsproblem als Gemeindepfarrer: Das Ringen um die richtigen Worte bei der Vorbereitung der Sonntagspredigt, ebenso im Anschluß an den Gottesdienst die drängende Frage, ob man die Gemeinde erreicht hat, ob die Menschen das Wort noch hören. Für ihn bestand kein wirklicher Unterschied zwischen Theologie und Seelsorge, Dogmatik und Predigt. Barth also geht es um den Menschen - den Menschen in seiner geistlichen und, damit beinahe in eins, seiner weltlichen Bedürftigkeit. Die ganze Zumutung seiner Theologie nun besteht darin, daß es ihm um den Menschen geht, er aber gerade deshalb nicht vom Menschen, sondern von Gott ausgeht. Das religiöse Empfinden, Erleben und Handeln galt ihm nicht als eigenständiges Thema. Diese Sichtweise stellte eine außerordentliche Provokation zu jener Zeit dar, da Barth wahrgenommen wurde und wirkte - und wäre es heute wieder. Vieles, das dieser Tage unter der Thematik der Spiritualität verhandelt wird, fiele unter jenes Urteil Barths.

Wollte man es tatsächlich unternehmen, Barth und sein System in einem Satz zusammenzufassen, so könnte es dieser zunächst bedeutungsleer wirkende sein: Gott ist Gott. Diese Gleichung ist aufzufüllen durch all das, das Gott nicht ist: Er ist mit Sicherheit nicht das, was ich mir je und je unter ihm vorstelle oder ersehne, keine Projektionsfläche und kein Spiegel meiner selbst. Die Beziehung zwischen Gott und mir ist kein Psychodrama. Die Wahrheit Gottes ist eine vollständig objektive, vom Menschen unabhängige Wahrheit. Das Gotteswort also gilt mir und gilt für mich, ob ich mich ihm nun öffne oder verschließe. Dominus dixit: Der Herr hat gesprochen. Er hat zu uns gesprochen durch die Propheten und das Gesetz, durch das Leben und den Kreuzestod Christi und die im Ostergeschehen gesetzte Zeitenwende. Gott wird auch heute einzig durch sein lebendiges Wort bezeugt, während die Welt von sich aus, von „Natur“ aus, Gott nicht kennt. Daß Gott lebt und regiert, ist die unhintergehbare Vorbedingung menschlichen Seins und Daseins. Sobald wir die Blickrichtung umkehren, d.h. uns selbst und unser Leben mit dem Ziel betrachten, Aufschluß über Gott zu gewinnen, bleiben wir unweigerlich in menschliche Irrwege und Irrtümer verstrickt.

Aus dieser klaren Zuordnung von Gott und Mensch gewinnt Barth auch die scharfe, allgemein sicherlich ungewohnte Unterscheidung zwischen Glaube und Religion. Ganz im Gegensatz auch zum heute vorherrschenden Verständnis bezeichnet Glaube hier nicht eine menschliche Möglichkeit, nicht ein inneres Vermögen, das ein Mensch betätigen oder eben auch vernachlässigen könnte, nicht meine persönliche Haltung Gott gegenüber - sondern, daß ich glauben kann und darf, verweist auf das Wirken Gottes, der immer schon den ersten Schritt getan hat. Konkret ausformuliert: Daß Christus für uns gestorben und auferstanden ist, soll oder darf ich nicht deshalb glauben, weil es die Kirche verkündet, nicht einmal deshalb, weil es in der Bibel steht. Es steht deshalb in der Bibel, weil Gott Wahrheit ist und Wahrheit wirkt und weil es ihm gefallen hat, sich dem Menschen bekanntzumachen. Die Heilige Schrift bezeugt dieses Offenbarungsgeschehen. Glaube ereignet sich, wo immer ein Mensch sich dem Wirken der Wahrheit Gottes öffnet, die ihm vorausgeht und über die er daher niemals verfügen kann.

Die Religion hingegen entspricht der menschlichen, subjektiven und anschaulichen Seite dieser Wahrheit, wie sie sich geschichtlich ausgebildet und entwickelt hat. Hierunter fallen alle sakralen Handlungen (etwa die Gottesdienste) sowie auch das religiöse und theologische Sprechen in jeder Form. In der Religion drückt sich also zunächst der vollkommen berechtigte Wunsch aus, die Beziehung des Menschen zu Gott darzustellen, Gott zu bekennen und zu verherrlichen. Darin erfüllt religiöses Handeln zugleich auch Gottes Auftrag, ihn und sein Wort zu verkündigen. Allein von Gott aber empfängt die Religion die in ihr ausgedrückte Verheißung, und nur auf ihn darf diese Verheißung sich auch beziehen. Zum Götzendienst verkommt Religion, wo immer sie gewollt oder ungewollt die Erwartung weckt, diese Verheißung auch nur teilweise selbst zu erfüllen. Dann zieht sie sich Barths radikale Kritik zu, wonach Religion Unglaube, die Sache der Gottlosen, sei.

Welche Sichtweise hingegen eröffnet uns der Glaube? Auch hier konfrontiert uns Barth mit zunächst abweisend und kaum verständlich wirkenden Aussagen: Gott ist nicht letzte Antwort, sondern erste und letzte Frage - nicht Bestätigung, sondern Widerspruch. Er ist alles andere als der Garant einer strahlenden allumfassenden Ordnung, in der auch der fromme Mensch seinen angemessenen Platz fände, eher schon die äußerste Störung, Zersetzung und Beunruhigung jeder uns bekannten Ordnung. Statt einfacher und besinnlicher wird unser Leben durch das Wirken des lebendigen Gottes zunächst einmal unvergleichlich fraglicher und problematischer, als es eine rein weltliche Existenz oder auch eine in sich ruhende religiöse Lebensform jemals sein könnte.

Natürlich erzwingt das wiederum die Folgefrage: Welche Hoffnung soll uns dann bleiben, Worin liegt unser Heil? - Ganz konsequent besetzt Barth Standpunkte, die in sich widersprüchlich anmuten müssen: Gott ist unser Friede, indem er uns erschüttert. Gottes Gemeinschaft mit uns besteht genau darin, daß er uns ganz und gar wesensfremd bleibt; daß er in der Welt des Menschen wirkt, ohne aber selbst jemals ein Teil von ihr zu werden. Nur als unbekannter Gott ist er zugleich unverfügbarer und also wahrer Gott. Nur so kann Gottes absolute Freiheit, die keine allmächtige Willkür, sondern die unbegrenzte Freiheit zum Guten ist, auch zu unserer Freiheit werden. Wäre es anders, wäre Gott nicht mehr als etwa die Steigerung oder Vergrößerung dessen, das dem Menschen bekannt und faßbar ist, so könnte er uns nicht erlösen. Wir würden immer wieder auf uns selbst zurückgeworfen werden und wären damit auf ewig ohne Hoffnung. Hoffnung aber dürfen wir deshalb haben, weil Gott sich nicht in alledem erschöpft, das unsere größten Hoffnungen oder auch unsere schwärzeste Verzweiflung ausdrücken können. Als Menschen kennen wir weder das eine noch das andere ganz und wirklich, nicht unsere Verlorenheit und nicht unsere Erlösung. Es gehört nicht zu unseren Möglichkeiten, sie zu begreifen und zu bekennen. Und so kennen und erkennen wir Gott in dieser Welt nicht, aber er kennt und erkennt uns bereits jetzt.

Barths eigenen Worten nach ist der so entworfene und geforderte Glaube „kein Boden, auf den man sich stellen, keine Ordnung, die man befolgen, keine Luft, in der man atmen kann.“ Es geht um keine neue Theorie oder Praxis - und sei sie noch so radikal - und auch um keine neue, „zeitgemäße“ Sprache von Gott. Damit Gott wirken und uns befreien kann, muß eingetreten sein, was Barth tatsächlich als Katastrophe des Menschen bezeichnet: Der Mensch, ein Mensch, muß zur vollen Erkenntnis gekommen sein, daß er ohne Gott der Macht des Todes verfallen bleibt. Tod meint hier nicht nur das biologische Faktum unserer Sterblichkeit, sondern betrifft diesen Menschen insgesamt in all seiner Gebrochenheit, Fehlbarkeit und Gefallenheit, mitsamt den Abgründen, zu denen dieser Mensch fähig ist. All das bedeutet Tod - oder auch Sünde; es sind beinahe austauschbare Begriffe. Gnade wiederum bedeutet, daß Gott sein unbedingtes, unendliches Ja diesem Sünder zusagt, zugleich aber auch ein ebenso absolutes Nein zur Sünde sagt.

Karl Barth hat uns eine Theologie hinterlassen, die konsequent zukunftsorientiert war und ist: Sie stellt sich ganz unter das eine Zeichen der Zukunft Gottes, die zugleich die einzig mögliche Zukunft des Menschen bedeutet. Gottes gnädiges Ja gilt mir schon hier und heute, sein letztes Ziel aber ist jener Mensch, der ich noch nicht bin und aus eigener Kraft niemals werden könnte. An diesen neuen Menschen in mir selbst und anderen kann, darf und soll ich glauben. „Gott und der Mensch, der ich bin, das geht nicht zusammen“ - so die Formulierung, die Barth für diesen Zusammenhang findet. Gottes Weg mit dem Menschen beginnt in diesem Sinne erst dort, wo alle anderen Wege und Auswege, die man auch allein gehen könnte, sich verloren haben. Gottes Möglichkeiten beginnen genau dort, wo alle menschlichen Möglichkeiten abgebrochen sind. Die Offenbarung hat diese zweite, zutiefst menschliche Seite: Mein Leben läuft auf jenen Punkt zu, an dem ich nicht mehr da sein werde - und doch werde ich als der, der ich war und bin, vor Gott offenbar sein. Ich werde Gottes Menschlichkeit kennen, und ihrer wird kein Ende sein. Wenn sie uns solche Hoffnung zusprechen kann, ist Karl Barths Theologie vielleicht auch in ihrem - notwendigen - Scheitern ihrem „Gegenstand“ gerechtgeworden.

Klaus-Dieter Schulz