
Liebe Gemeinde, eine kleine Reminiszenz an die Zeit damals möchte ich gern noch anbringen: Neue Entwicklungen bedürfen der steten Kommunikation, was sich tut, muss mitgeteilt werden. Dafür braucht es gute Öffentlichkeitsarbeit. Damals hatten wir ein Kürzel angewendet für das, was da im Werden war: „ELKE“. Dieses „ELKE“ stand für „Ev.-luth. Kirche in Eimsbüttel“. Und wer da nicht ganz im Bilde war, konnte das natürlich missverständlich auffassen. So war unter Senioren der Apostelkirche Anfang 1996 zu hören: „Wer verflixt, ist ELKE? Unser Pastor verbringt so viel Zeit mit dieser ELKE.“ Und versehen wurde diese Aussage mit dem Kommentar: „Dabei hat er doch so eine nette Frau.“ Das sorgt für Schmunzeln, zeigt aber, wie fremd alles noch war. Einerseits gab es die Macher, die auf dem Weg des Zusammenwachsens längst ihre internen Begriffe pflegten, andererseits gab es noch die vier Gemeinden, in denen in gewohnter Weise gelebt und gearbeitet wurde. Der Vollzug der Fusion hat schließlich viel aufgewirbelt. Die Debatte war endlich unten an der Basis angekommen. Befürchtungen und Erwartungen wurden laut. Und gerade den Optimisten, wurde allmählich klar, dass das Zusammenwachsen noch Zeit, viel Zeit brauchen wird. Aber das Ziel war weitgehend unstrittig: Wir werden eine Gemeinde werden, zunächst eine Vier-Kirchen-Gemeinde, alles Weitere werde man sehen. Wir wussten, wir würden abhängig sein von Entwicklungen, die wir kaum würden beeinflussen können. Aber das, was wir selber imstande waren zu gestalten, das sollten und wollten wir doch auch tun. Rückkehr zur Gemeinde war das Programm. Also kein anderes Modell von Kirche. Aber die nun entstandene Gemeinde war vor allem größer und in ihren künftigen Umrissen noch nicht klar. Wird es Verlierer geben und entsprechend Gewinner? Was trägt das aus für unser Leben und Lernen und Arbeiten in der Gemeinde? Als wir uns aufgemacht hatten, waren wir nicht Fabeln gefolgt, jenen Märchen, die schön sein können, aber die vielleicht nicht imstande sind, uns zu verändern. Wir wollten das Alte neu gestalten. Also mussten wir uns verändern. Und lernen, jene mitzunehmen, die nicht oder noch nicht mit wollten. Wir haben uns aufgemacht und einen konfliktreichen Weg beschritten, auf dem schwere Entscheidungen zu treffen waren, auf dem auch Fehler gemacht wurden, auf dem aber auch Integration in das größere Ganze sich teilweise verwirklichte. Trotz vieler Verletzungen konnte man spüren: Viele Menschen begreifen sich mehr und mehr als Glieder der Eimsbütteler Gemeinde, die sich an Angeboten und an Personen orientieren und entsprechend wandern von Kirchturm zu Kirchturm. Andere fühlen sich ihrem Kirchengebäude weiterhin verbunden. Und das ist nachvollziehbar und selbstverständlich in Ordnung. Als wir Bethlehem und St. Stephanus vor fast drei Jahren aufgegeben hatten, ging das besonders denen nahe, die zutiefst besorgt waren, ihre geistliche oder soziale Heimat zu verlieren. Es gab Widerstand, Zorn und Erbitterung. Der Kirchenvorstand suchte immer wieder das Gespräch, und ich glaube, der Gesprächsfaden war nie ganz abgerissen. Aber es blieb dabei: Diese schwere Entscheidung der Aufgabe zweier Kirchen musste die Leitung der Gemeinde durchhalten. Leitung ist eben manchmal nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Aber es geht ja nicht um Abbau allein. Es soll etwas erreicht werden, trotz schwerer Zeiten, trotz fehlender Finanzen. Aber was sollte das sein? Was könnte unsere Vision sein? Sie könnte vielleicht so aussehen: Dass wir uns in der Nachfolge Jesu Christi den Menschen und den Themen zuwenden, die an den Rand gedrängt sind. Und das soll so etwas wie der Hauptsatz sein. Ich nenne dazu ein paar ergänzende Gedanken: Nämlich, dass die Menschen, die hier leben unser Konzept sind. Dass wir die besonderen Herausforderungen in Stadtteil und Stadt wahrnehmen. Dass wir die vier großen protestantischen Werte Nächstenliebe, Vergebung, die Kunst zu sterben und die Kunst zu leben weiterhin, aber hörbarer zur Geltung bringen. Dass wir unsere Verschiedenheit in unserer Gemeinde nicht als Hindernis, sondern als Fundus begreifen, um zu unserer Identität zu kommen. Damit eine Vision wie diese Wirklichkeit wird, brauchen wir Ziele. Und die sind wir dabei, zu erarbeiten! Uns hat der Mut nämlich nicht verlassen, auch wenn es manchmal arg anstrengend war. Wir haben uns aufgemacht, haben Zeichen gesetzt. Unter dem Leitwort „Mit Gott durchs Leben“ sind wir auf dem Weg, die Christuskirche umzugestalten, wir führen eine Debatte über die Ziele und Maßnahmen unserer Gemeindearbeit und werden uns unserer Stärken und Schwächen zunehmend bewusst. So werden wir lebendige und vielfältige Gemeinde sein, die in sinnvollen Strukturen an zwei Zentren arbeiten wird, die sich darstellen wie zwei Brennpunkte einer Ellipse, eines umfassenden Ganzen. „Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus“. So heißt es in unserem Text für heute. Nicht von einer Gestalt in einem Märchen ist die Rede, sondern von einem, von dem bis heute Kraft ausgeht, Kraft, die spürbar ist, die Menschen bewegt und die Verhältnisse ändert. Diese Kraft ist verlässlich, auch jetzt und auch in Zukunft. Was immer passieren mag, daran wird sich nie etwas ändern: Wir sind bei Gott gut aufgehoben. Unser Leben wird gelingen, trotz allem, was dagegen spricht. Gottes Kraft, die sich in Jesus Christus zeigt, ist die Kraft der Liebe zur Welt und zu den Menschen. Darauf kann man sich verlassen, in allen persönlichen wie überpersönlichen Bezügen. Das meint unser Text, das will er uns auch heute noch sagen. Wie auch immer unser Leben und unsere Gemeinde gestaltet sein mag: Wir können Menschen sein und wir können eine Gemeinde sein, die aufgehoben ist in der Liebe Gottes. Und dann werden wir uns anderen zuwenden. Gerade denen, die an den Rand gedrängt sind. Und zwar in Liebe. Das wird werden. Deshalb kommen wir dazu, zu hoffen und auf unsere Hoffnung hin zu arbeiten. Amen
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