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Apostelandacht zu Siegfried Schmutzler am 11.4.2010 in der Apostelkirche

Die letzten Apostelandachten hatten Persönlichkeiten zum Thema, die allgemein bekannt und bis heute sehr geachtet sind: Karl Barth, Jochen Klepper, Dorothee Sölle, Heinrich Albertz.

Warum jetzt der uns doch weitestgehend unbekannte Siegfried Schmutzler? Muss man ihn eigentlich kennen?

 

In der Tat ist Siegfried Schmutzler wohl den wenigsten Menschen in den Ländern der alten Bundesrepublik bekannt. Wir haben deshalb auch in unserem Plakat einen Ausschnitt aus einer DDR-Zeitung des Jahres 1957 abgedruckt. Darin wird deutlich, wie der damalige Leipziger Studentenpfarrer öffentlich an den Pranger gestellt wurde. Es wurde berichtet, dass er „staatsfeindliche Ziele“ der illegalen Jungen Gemeinde unter dem Vorwand religiöser Betätigung verfolgte. Er habe Seelsorge für politische und für Nato-Hetze missbraucht, ebenso den Talar und die Kanzel. Neugierig geworden, haben wir uns mit seinem Leben und seiner Tätigkeit befasst und halten ihn in der Tat für jemanden, der uns Orientierung im Leben und im Glauben geben kann.

 

Ein Freund schlug ihm vor, Theologie zu studieren. Warum lehnte er zunächst ab?

 

Er antwortete seinem Freund mit Hinweis auf seine naturwissenschaftliche Bildung:

„Theologie studieren aber heißt doch mit Sicherheit auch Einstehen für alle möglichen Wunderdinge, von denen in der Bibel erzählt wird, z.B. die Verwandlung von Wasser in Wein durch Jesus, die wunderbare Speisung der Fünftausend mit einigen Broten und Fischen, Jesu Wandeln auf dem See, sein Entschweben zum Himmel, ganz zu schweigen von seiner jungfräulichen Geburt. Das alles aber bedeutet Verleugnung der Naturgesetze. Und eine solche geistige Verrenkung willst du mir zumuten?“

 

Wie kam es dann zu seiner Bekehrung?

 

Während eines Gottesdienstes erlebte er die Gemeinschaft der Gläubigen und fühlt sich in ihr aufgehoben. Ihn berührte innerlich das laute, gemeinsame Beten des Vaterunsers. Er schreibt darüber:

„Niemand hatte zum gemeinsamen Sprechen des Gebetes aufgefordert. Es geschah spontan. Meine Ergriffenheit stieg von Bitte zu Bitte. Als das Amen gesagt war, hatte ich zum ersten Male in meinem Leben erfahren, was Gebet ist: eine wundervolle Öffnung ins Grenzenlos-Universelle hin zu dem unfasslichen lichten und konkreten Gegenüber des Christusgottes und zugleich ein wunderbares Einströmen von Kraft und Heiligkeit und Zuversicht. Ich ergriff das Gebet als eine Möglichkeit meines persönlichen Lebens. Es war wie eine kopernikanische Wende. Ich empfand: Beten, das ist nicht eine fromme Übung neben vielen anderen, es ist die Mitte praktizierten Glaubens. Glaube in Aktion. Mit wurde bewusst: Betend komme ich los von dem Umsichselbstkreisen meines „dicken Ich“, indem ich mich festmache an einem archimedischen Punkt jenseits der Mächte und Gewalten, die in mir und um mich herum rumoren und mich beherrschen wollen. Und dieser „Punkt“ hat einen Namen. Er heißt Gott, genauer: Gott in Jesus Christus.

Dieses Sichfestmachen kann nicht nur punktuell im persönlichsten Innenraum geschehen, es bedarf der Stetigkeit und auch der nach außen sichtbaren Gebärde sowie der Gemeinsamkeit der Gemeinde.“

 

Die Überwindung einer individualistischen Sicht und Lebenshaltung fordern auch die sozialistischen Entwürfe. Dementsprechend stellt die staatssozialistische Gesellschaft, hierin durchaus den Nazis vergleichbar, sehr stark darauf ab, die Einzelperson in Gruppenstrukturen hineinzuziehen, häufig über Zwang. Was veranlasst jemanden wie Schmutzler dazu, sich stattdessen dem christlichen Glauben zuzuwenden?

 

Seine Eltern hatten ein sehr distanziertes Verhältnis zu nationalistischen Anschauungen. Übungsmärsche der Hitlerjugend und das vormilitärisch geprägte Gruppenverhalten stießen ihn ab.

Seine Jugend ist durch krasse Armut gekennzeichnet. Sicher ist darin sein späteres soziales Engagement begründet.

Genauere Auskünfte über seinen Weg zum christlichen Glauben gibt er nicht. Für viele Menschen und wohl auch für ihn sind das innere Vorgänge, über die man nicht gern öffentlich Auskunft gibt, die man wohl auch meist nicht rational begründen kann und will. Auch die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jünger am Pfingstfest kann man rational nicht begründen. Vielleicht verschlüsselt er einen ähnlichen inneren Vorgang im Bericht über seinen Gottesdienstbesuch?

 

Gab es für S. einen notwendigen Zusammenhang zwischen seinem innerlichen Angerührtsein einerseits und der späteren wissenschaftlichen Tätigkeit sowie auch dem Wunsch nach christlicher Gemeinschaft, nach gelebtem Glauben?

 

Er schreibt, dass sich in ihm während seines Pädagogik-Studiums ein Prozess abspielte, in dem ein ganzes Ensemble an Faktoren sich miteinander verschränkte. Das ist sehr kryptisch formuliert, genauer wird er nicht.

Jedenfalls schloss er sein Pädagogik-Studium mit einer Doktorarbeit in Philosophie ab und erteilte anschließend als Hilfslehrer in einem Leipziger Vorort den gesamten Religionsunterricht, weil seine Kollegen das alle nicht wollten. Das zeigt auch, dass für ihn seine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben immer mehr in den Mittelpunkt seines Lebens trat.

Wahrscheinlich haben auch seine Erlebnisse als Soldat im Krieg das ihre dazu beigetragen. Jedenfalls reifte in dieser Zeit sein Entschluss, nach dem Krieg Theologie zu studieren, was er dann auch tat; und zwar unter heftigsten Entbehrungen, zwischendurch erkrankte er total entkräftet während des Studiums an einer Hunger-TBC und musste ein Jahr lang pausieren.

 

In diese Zeit fällt auch die Staatsgründung der DDR und der Beginn der SED-Diktatur. Hatte Schmutzler schon in dieser Zeit Probleme mit der Staatsmacht?

 

Schon Anfang der fünfziger Jahre gab es in der DDR einen militanten Atheismus. Schmutzler schreibt, dass diese Entwicklung starke Parallelen mit dem „Kirchenkampf“ der Nazis aufwies. Der Religionsunterricht an den Schulen war zwar geduldet, aber wurde nach Kräften gebremst.

Eine Zeitschrift der evangelischen Jugend wurde ohne Begründung verboten, die Vertreter der Jungen Gemeinde wurden aus dem demokratischen Jugendring der DDR ausgeschlossen.

In der „Leipziger Volkszeitung“ erschien ein Hetzartikel nach dem anderen gegen die Junge Gemeinde.

Als Gemeindepfarrer unterrichtete er auch „Christenlehre“ an der Schule, wo er sich mehrfach vor dem Bürgermeister und dem zuständigen Kreisschulrat für sein Verhalten rechtfertigen musste. Es blieb für ihn aber noch ohne weitere ernsthafte Folgen.

 

Im Predigerseminar unterrichtete er auch das Fach „Christentum und Marxismus“. Kann man Religion und Marxismus überhaupt vereinbaren? Wie sah Schmutzler das?

 

Ihm kam es darauf an, einem in Kirchenkreisen verständlichen Antikommunismus zu widerstehen. Er stellte dagegen die sozialethisch berechtigte Forderung des Marxismus für soziale Gerechtigkeit heraus, angesichts der schamlos ausgebeuteten Massen des Industrieproletariats im 19. Jahrhunderts. Die Kirche hatte davor weitgehend versagt.

Er unterstützte also die kapitalismus-kritische Dimension marxistischen Denkens, kritisierte aber zugleich das marxistisch-leninistische Gesellschaftssystem, wie es in der DDR und der Sowjetunion täglich erfahren wurde.

Für theoretisch unhaltbar hielt er den Ökonomismus des Marxismus, wonach nämlich alles, was Kultur heißt, nichts weiter ist als ein Überbau der Produktionsverhältnisse.

Der Mensch ist eben nicht nur eine Funktion und ein Produkt der Gesellschaft. Der Marxismus leugnet das Geheimnis des Ich, die Einheit von Sozialität und Individualität, die dialektische Einheit von Notwendigkeit und Freiheit.

Hinzu kam die Praxis als Diktatur des Proletariats, die der Praxis der NS-Diktatur glich.

 

Dieser Position mag man sich anschließen; sie ist jedoch (noch) nicht inhärent christlich. Man kann genauso argumentieren, ohne sich auf Bekenntnis und Evangelium zu beziehen, etwa auf Grundlage eines bürgerlich-säkularen Humanismus’. Mir wird der zwingende innere Bezug zu Gott an dieser Stelle nicht klar.

 

Schmutzler äußert sich dazu nicht explizit. Vielleicht kann man es aus der Gesamtheit seiner Äußerungen so erklären:

Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Sein Leben ist ein Geheimnis, das nicht rational erklärbar ist; er erlebt sich als Individuum, existenziell getrennt von anderen. Das Gebot Jesu zur Nächstenliebe, zum sozialen Verhalten gegenüber den Mitmenschen reißt ihn aus dieser Vereinzelung, aus seinem Egoismus. Weil Jesus als Gottes Sohn sich für die Menschen geopfert hat, sollen wir dankbar sein für Gottes Gnade, aus unserer Individualität heraustreten und uns für unseren Nächsten einsetzen. Wenn der Mensch das tut und dabei Gemeinschaft auch in der Praxis des Glaubens erlebt, fühlt er sich innerlich bereichert, vielleicht auch irgendwie in seiner Existenz gerechtfertigt.

Der Mensch ist mithin mehr als ein „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“, wie Marx es behauptet.

 

1956 war ein Jahr der Krise im Ostblock. In Ungarn kam es zum Volksaufstand, und auch an der Uni Leipzig gab es Proteste. Was spielte sich da ab?

Eine Versammlung der Theologiestudenten forderte die Hebung des Niveaus und Diskussionsfreiheit. Auf der Suche nach Schuldigen wurde die Parteileitung schnell fündig: Der Studentenpfarrer Georg Schmutzler. Sie verteilte ein Flugblatt, in dem u.a. stand: „Herr Schmutzler erging sich ausgerechnet in der altehrwürdigen Universitätskirche in Ausfällen gegen unsere gesellschaftlichen Organisationen und diejenigen Universitätsangehörigen, die unserem Arbeiter- und Bauernstaat treu ergeben sind.“

Gleichzeitig wurde Schmutzler zu einer „persönlichen Aussprache“ vor dem Bezirksratsvorsitzenden gebeten, die allerdings eher ein Verhör war. Man forderte ihn auf, künftig alle Äußerungen staatsfeindlicher Art zu unterlassen.

 

Ein Jahr später, 1957, organisierte Schmutzler Besuchsdienste der Studenten in Landgemeinden. Warum machte er das und scheute nicht die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht?

Zu Tumulten kam es während einer Veranstaltung mit dem Thema „Der christliche Glaube – Opium oder Vitamin“. Offensichtlich waren von der STASI Störer geschickt worden. Schon die Themenstellung muss provozierend auf die SED gewirkt haben.

In den folgenden Wochen erhielt Schmutzler einige Warnungen aus der Bevölkerung, er müsse demnächst mit der Verhaftung rechnen. Im Nachhinein vermutete er, dass die STASI ihn damit zur Republikflucht verleiten wollte, um ihn loszuwerden. Er tat den Sicherheitsorganen diesen Gefallen aber nicht und blieb.

Sein wichtigstes Argument zum Bleiben in der DDR war: Der Hirte gehört zu seiner Herde. Verlasse ich die DDR, so beraube ich mich für alle Zukunft der Wirkungsmöglichkeit hier. Aber hier ist meine Heimat. Hier ist meine Aufgabe. Hier hat der Herr mich hingestellt und in Dienst genommen.“

 

Und dann wird Siegfried Schmutzler tatsächlich verhaftet?

Am Abend des 5. April 1957 ist es soweit: Er wurde von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit verhaftet und kam ins STASI-Untersuchungsgefängnis. Dort wurde er über mehrere Monate fast täglich verhört.

Die Vorwürfe gegen ihn waren: Boykotthetze im Dienste der Nato, er sei ein Staatsfeind, der die Evangelische Studentengemeinde als illegale Organisation aufgezogen und in seinen Dienst gestellt habe. In den westlichen Evangelischen Akademien säßen seine Auftraggeber.

 

Wie stand er die lange Zeit der STASI-Haft durch?

Er schreibt, dass er gegen die beabsichtigte Zermürbung durch die STASI persönliche Waffen hatte:
“Für mich ist und blieb die entscheidende Waffe von Anfang an: das Gebet. Das ganz persönliche, das Stoßgebet. Aber auch und gerade das formulierte Gebet der Kirche. Es erwies sich als ein ungeheurer Gewinn, dass ich viele Psalmen auswendig kann und im Stundengebet der Kirche seit Jahren zu Hause bin. So konnte ich lange, im intensiven Gebet versunken, stehend verharren, das Auge auf den matten Lichtglanz geheftet, der durch die Glasbausteine dringt, indes die Wachtmeister unablässig durch den Spion spähten und nur meinen Rücken zu sehen bekamen. Immer wieder bete ich: ‚Herr in deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“

 

Auch nach seiner vierjährigen Haft blieb er aus freiem Entschluss in der DDR. Was machte er in den folgenden Jahren?

Siegfried Schmutzler erhielt eine Stelle als „theologisch-pädagogischer Fachberater“ der sächsischen Landeskirche. Seine Aufgabe war die theoretische und praktische Durchdringung des gesamten kirchlichen-pädagogischen Handelns in Verkündigung, Kinder-, Konfirmanden- und Jugendarbeit, Arbeit mit Eltern, Ausbildung und Weiterbildung kirchlicher Mitarbeiter einschließlich der Theologen.

Und wieder vermittelte er vorrangig in den Gemeinden das Gemeinschaftserlebnis, meist in Form von Themenabenden. Da andere als geistliche Veranstaltungen der Kirchengemeinden vom Staat verboten waren, wich er auf kirchliche Sommerfeste im Pfarrgarten aus, die die Gemeindeglieder unter seiner Anleitung selbst organisierten und die wieder zu Erlebnissen christlicher Gemeinschaft wurden, die er für so wichtig hielt.

 

Der junge, naturwissenschaftlich orientierte Schmutzler hatte seine Probleme mit den Wundergeschichten der Bibel. Wie bewältigt dies der gereifte Schmutzler?

Er unterscheidet zwischen dem Gesagten einerseits, dem Geschriebenen, das in einem überholten Weltbild verhaftet war, und dem Gemeinten, das uns noch heute betrifft.

Er macht das deutlich an der Geschichte von der Sturmstillung durch Jesus. Dieser novellistischen Erzählung mag ein reales Erlebnis zugrunde gelegen haben. Aber er bezieht die Handlung als Gleichnis auf die Bedrohungssituation der Kirche. Wir sollen auch in Bedrängnis in der Gewissheit sein, dass die Insassen des Schiffs „Gemeinde“ Hilfe im Kampf und im Widerstand gegen die dämonischen, gesellschaftlichen und politischen Kräfte erhalten, wenn sie ihren Kleinglauben überwinden.

Wind und Wellen sind zum Bild anderer, nämlich gesellschaftlicher und personeller Mächte geworden.

Schmutzler schreibt: „Jesus ruft den angstvollen Menschen zum unverzagten Glauben an Gott, den Schöpfer und Herrn, den Vater, und er kommt den Nichtglaubenden mit seiner eigenen Gottesgewissheit wunderbar zu Hilfe. Dieses Geschehen wird bildhaft dargestellt. Das Bild erzählt, wie Jesus die Jünger vom Tode rettet und wie er sie damit vor dem Versinken in Verzweiflung und Gottesferne bewahrt. Das Bild veranschaulicht die Vollmacht Jesu, in solcher Weise anderen Menschen zu begegnen. Das letztlich unanschauliche Geschehen wird sichtbar gemacht, zugleich aber durch die nachdrückliche Frage nach dem rechten Glauben auf seine eigentliche Wahrheit gebracht.“

 

Die Rede von der „Bildersprache“ der Heiligen Schrift hat etwas durchaus Zwiespältiges. Wenn es hier um die Wahrheit Gottes geht, dann hat die Sprache der Bibel auch nichts mit einem „überholten Weltbild“ zu tun. Die Bibel berichtet uns davon, wie der Lebendige Gott in unserer Welt wirkt, handelt und seine Geschichte mit den Menschen schreibt. Ist Christus am dritten Tage auferstanden nach der Schrift, oder geht es um nicht mehr als eine Metapher, ein gutgemeintes Bild, das eine allgemein und abstrakt bleibende Hoffnung vermitteln soll? - Vielleicht ist es hilfreicher, über dieser Frage zum Logiker statt zum Naturwissenschaftler zu werden. Also: die Macht des Todes ist gebrochen, den Menschen zum Heil - oder eben nicht; es gibt keine dritte Möglichkeit. Ist das leere Grab nicht mehr als ein Symbolismus, dann droht uns in der Tat die Möglichkeit, dass der Glaube nichtig sei. Wir wüssten dann nicht, dass uns - glaubhaft, verlässlich - die Rettung zugesagt ist. Es könnte auch irgendetwas anderes gemeint sein. Das biblische Geschehen weist sicherlich weit über seine „sichtbare“ Ebene hinaus, ist aber dennoch umgekehrt auch nicht rein metaphorisch. Das Geheimnis des Glaubens lässt sich weder physikalisch noch etwa auch religionssoziologisch auflösen. Der Glaube ist nicht vernunftwidrig, aber auch nicht aus der Vernunft herleitbar. Man kennt ihn nur „von innen“ - also aus der Sicht desjenigen, der dieses Wagnis eingeht - oder gar nicht.

 

Schmutzler äußert sich in seinen Büchern dazu nicht näher. Ich wage daher auch keine Antwort in seinem Sinne. Sicher wird auch bei den hier Anwesenden eine große Bandbreite der Meinungen vorhanden sein: Zwischen der Ansicht, dass auch die Auferstehung eher metaphorisch zu sehen ist, bis zum Glauben an die tatsächliche Auferstehung des Fleisches von den Toten in der Osternacht. Es bleibt für uns ein Geheimnis wie der Glaube als Ganzes.

 

Hatte er denn auch später noch Konflikte mit dem Staat?

Nicht mehr so offen wie vor seiner Verhaftung.

Er bemühte sich in diesen Jahren intensiv um eine Reform des Konfirmandenunterrichts, der in teils offener, teils verdeckter Konfrontation zur staatlich geförderten Jugendweihe stand.

So beschreibt er ausführlich, wie Eltern unter Druck gesetzt wurden, ihre Kinder nicht zum Konfirmandenunterricht anzumelden, wie dies mit der Androhung beruflicher und anderer Nachteile verbunden war. Er verfasste Handreichungen für einen Konfirmandenunterricht mit aktuellen Themen. Fast immer erhielt er für diese Schriften keine Druckerlaubnis. Sie konnten nur innerkirchlich als „graue Literatur“ verbreitet werden: vervielfältigt mit Matritzen, teils auch in Kurzform in kirchlichen Amtsblättern. Immer war es schwierig, für die Vervielfältigungen Papier zu erhalten. Seine Arbeit wurde also eher indirekt behindert.

 

Benahm sich Schmutzler also diplomatischer als vor seiner Verhaftung?

Das tat er nicht. Ohne Scheu veranstaltete er Kurse zum Thema Erziehung zum Frieden, Erziehung zur Freiheit, in Abgrenzung zur Militarisierung der DDR-Pädagogik in den siebziger Jahren.

Und als im Mai 1968 die ehrwürdige Paulinerkirche in Leipzig, die Universitätskirche, gesprengt werden sollte, fuhr Schmutzler zum Superintendenten. Er schlug ihm vor, dass die Leipziger Pfarrer am Nachmittag im Talar in einem Schweigemarsch von der Thomaskirche zur Paulinerkirche dagegen protestieren sollten. Man würde nicht wagen, eine Schar von Pfarrern im Talar auf offener Straße in der Stadtmitte zu verhaften. Die Welt würde erfahren, was in Leipzig im Gange war. Doch der Superintendent lehnte ab, er protestierte nur intern und damit nichtöffentlich. Die Kirche wurde gesprengt.

 

Wie beurteilte Schmutzler die Lage der Kirche nach der Wiedervereinigung?

Er sieht zwar die Veränderungen, mahnt aber, dass das Vorrücken des Säkularismus, des Atheismus, weitergeht. Er schreibt: „Der Konsumismus der westlichen kapitalistischen Industriegesellschaft durchdringt alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens und bestimmt das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen als ein quasireligiöser Letztwert. Dieser Götze war auch im kommunistischen Osten am Werke, nur gewissermaßen in seiner Negativgestalt, als Mangelerscheinung, deren Überwindung im Leben der Bürger höchstes Ziel und sehnlichstes Verlagen war.

Indem Gott im Jesus von Nazareth sich als ein Mensch uns Menschen bekannt machte, sich völlig auf die menschliche Situation einließ, wird es auch in Zukunft darauf ankommen, sich in der kirchlichen Arbeit mit Menschen ganz auf deren Situation heute und hier einzulassen.“

 

Siegfried Schmutzler wurde 1981 in den Ruhestand versetzt. Was geschah anschließend?

Er zog nach West-Berlin um. 1991, nach der Wende, wurde er politisch rehabilitiert, und zwar im selben Gericht, in dem er 34 Jahre zuvor verurteilt worden war. Das Leipziger Bezirksgericht bestätigte, dass er nur seine durch die DDR-Verfassung garantierten Grundrechte der Religions- und Meinungsfreiheit wahrgenommen hatte.

1996 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, 1997 erhielt er die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig.

Im Oktober 2003 starb Siegfried Schmutzler im Alter von 88 Jahren in Berlin. Ein Jahr später wurde eine Straße im Leipziger Stadtteil Gohlis-Süd, wo er als Pfarrer gearbeitet hatte, nach ihm benannt.

 

Sie sagten anfangs, er sei jemand, der uns Orientierung im Leben und im Glauben geben kann. Welche Elemente in seinem Leben sind das?

Erstens: Er war kompromisslos und unbeugsam in seinem Glauben. Er war bereit, für seine Überzeugungen auch zu leiden. Er arbeitete dort, wo er sich von Gott hingestellt fühlte. Darin kann er uns Vorbild sein.

Zweitens: Sein pädagogischer Ansatz in der Verkündigung ist meines Erachtens immer noch aktuell. Insbesondere sein gelebter und gelehrter Hinweis auf die zentrale Wichtigkeit des Gemeinschaftserlebnisses in der Kirchengemeinde sollte uns Anregungen für unsere Arbeit hier und heute geben.

Drittens: Für mich ist seine differenzierte Haltung zum Marxismus wichtig: Die von ihm positiv gewertete Kritik an kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen, am vorherrschenden Prinzip der Ökonomie, an der dadurch verdrängten Mitmenschlichkeit, der auch verdrängten Nächstenliebe, der fehlenden Achtung vor dem Mitmenschen;

andererseits die bedingungslose Ablehnung des marxistischen Atheismus sowie des damals real existierenden Sozialismus. Diese Haltung teile ich und hoffe, dass auch andere sie teilen.

Schließlich: Siegfried Schmutzler war 6 Jahre als Soldat im Krieg, anschließend ein Jahr in Gefangenschaft; es folgen 4 Jahre STASI-Haft.

Ich bewundere seine Lebensenergie und bin dankbar dafür, dass mir und meiner Generation diese Belastungen erspart geblieben sind, dass es uns wirtschaftlich so gut geht, wir in Freiheit leben und ohne Bedrohung evangelische Christen sein dürfen.

Frager ist Klaus-Dieter Schulz, die Antworten gibt Rolf Polle