Gottesdienste
Freitags um 19:30 Uhr: Die Vesper - gesungenes Abendgebet
12.02.12 10:00 Uhr: Gottesdienst, Pastorin Urbach
Veranstaltungen
08.02.12 19:00 Uhr: Frauenkirche 'Gott ist Liebe', Marguerite Poréte, Pastorinnen Urbach und Ande
Apostelandacht zu Heinrich Albertz am 31.1.2010 in der Apostelkirche
Ansprache 2
Der stählerne Traum und sein Schatten
„Die Eile“, entgegnet in Umberto Ecos berühmtem Roman Der Name der Rose der Franziskaner und Naturphilosoph William von Baskerville auf die Frage seines Novizen, was ihn denn an den Eiferern und Apokalyptikern der Zeit so erschrecke. Die Eile, die Gottes Gericht vorwegnehmen oder zumindest durch äußerste Zuspitzung der irdischen Verhältnisse vorzeitig erzwingen möchte. Die Eile, die das eigene Leben so gering wie das anderer achten läßt. Die Eile, die in letzter Konsequenz der Schöpfung mehr Glanz verleihen möchte, indem sie diese in Brand steckt. Die expressive Gewalt, um die es hier geht (und die auch verbaler oder symbolischer Art sein kann), entfacht zugleich einen Rausch eigener Art. Das böse Erwachen wird oder soll überdies niemand mehr erleben, wenigstens „ich“ nicht. Da es um den höchsten Preis geht, gilt auch nur der höchste Einsatz. Daß nicht jeder zu diesem Opfer bereit ist, irritiert kaum, bestätigt eher noch das eigene Bewußtsein, die Speerspitze der Vorbestimmung zu bilden. „Spüre die Angst des Feindes, verachte ihn, nutze jede Schwäche.“ Nahe der Wurzel all dessen findet sich jene existentielle Ungeduld, deren meist harmlose, banale Alltagsform wir alle kennen. Die Eile, so scheint es, benötigt keine gesonderte Begründung. Es genügt, daß, umgekehrt, ich den Grund zu warten nicht sehe. Es genügt, daß jene Frage, deren abstrakte Form Warum warten? lautet, einen entscheidenden Moment lang unbeantwortet bleibt. In diesem Moment einer ausbleibenden Antwort wird mein Maß zum Maß der Welt, womöglich zum Maß Gottes. Der Böse weiß, daß ihm wenig Zeit bleibt (Off 12) - und in dieser Feststellung drückt sich eigentlich nur anders aus: er weiß, daß er auf verlorenem Posten steht; daß er im Grunde immer schon gerichtet ist; daß sein Kampf verfehlt und vergeblich ist. Es hält ihn nicht ab, im Gegenteil: Eben dieses Wissen, so sagt es die Schrift, entfacht seine grenzenlose Destruktivität. Dieser fundamentale Umstand schreibt sich ein in (quasi-)religiöse wie auch rein weltliche Zusammenhänge. - Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland insbesondere in den 70er Jahren dokumentiert das Gesagte. Die Bilder und Ereignisse jener Tagen verblassen im kollektiven Gedächtnis bereits deutlich - und werfen womöglich doch einen Schatten, der sich in unerwarteten Momenten abzeichnet. Die Konflikte unserer Tage scheinen sich anders darzustellen - und doch ist unter veränderten Vorzeichen wieder vom Terror und seiner Bekämpfung die Rede. Nachdenken ist geboten, ob sich jene Geschichte nicht doch wiederholt, und sei es als eine Art mörderischer Treppenwitz. „Was du bekämpfst, machst du nur stärker“ - dieser vor etlichen Jahren in Teilen der alternativen Szene gebräuchliche Slogan bewahrheitete sich auf verstörende Weise. Die von den Theoretikern sogenannte Dialektik des bewaffneten Kampfes war auf keiner der beteiligten Seiten mehr kontrollierbar - oder auch nur ganz durchschaubar. Niemals war der Sicherheitsapparat - das „Stahlnetz“ - trotz vereinzelter Fehler und Pannen so souverän, niemals die selbsternannte Guerilla so isoliert wie auf dem Höhepunkt der Geiselnahmen. Zwanzig Gewehre gegen 200.000! Zugleich aber wirkte die Demokratie niemals so fraglich, in ihrem Wesen regelrecht „verdünnt“ und fadenscheinig wie in eben denselben Tagen, als sie die eigene Wertordnung zur Abwehr tatsächlicher und/oder vermeintlicher Gefahren selbst zu relativieren schien. Der einzige Erfolg, den diese vermeintliche „Bewegung“ jemals errang, bestand darin, die Organe des Staates in die Logik der Verachtung und Mißachtung hineinzuziehen. Terroristen und Politiker, Heckenschützen und Krisenstab wurden gespenstische Komplizen in der Eskalation von Gewalt und Gegengewalt, von beiderseitigen Grenzübertretungen. So schien mit alledem die Gesellschaft in den Augen mancher demaskiert, die bewaffnete Revolte am Ende doch gerechtfertigt. Es gab keinen deutschen Ghandi oder Mandela, der diese Zirkellogik der Gewalt durchbrochen hätte. Stattdessen gab es nur wenige, die sich der Festungsmentalität entzogen, etwa Heinrich Albertz. Auf die Eskalation folgte schließlich doch die Deeskalation, aber die Rückkehr zur Normalität wirkte nachhaltig trügerisch. Die Bundesrepublik überlebte, doch sie erreichte dieses Ziel nur um einen hohen Preis, der nicht nur den unmittelbaren Opfern der Gewalt und der Übergriffe abverlangt wurde. Ein Sieg der Demokratie hätte den Nachweis erfordert, die Überlegenheit unverrückbarer Werte und Prinzipien auf der eigenen Seite zu wissen. Die Macht und ihre Sekundärtugenden zu mobilisieren genügte letztlich nicht. Der Terror - eine List der Vernunft? - Der Staatsgewalt gilt dieselbe Frage, und die Antwort ist bis heute nicht offensichtlich.
Deutschland im Herbst - Deutschland im Winter: Ein Szenenwechsel - oder vielleicht auch nicht. Jahrzehnte später scheint die Welt nicht bereiter für den Frieden, nicht befreiter auch von den ethischen Dilemmata, die sich mit den Fragen nach Gewalt, Gegengewalt, Widerstand und zivilem Ungehorsam verbinden. Die Frage selbst, mit den Entscheidungen, die sie einfordern will, hat oft genug etwas Gewaltsames: Hammer oder Amboß sein (oder das, was dazwischen gerät), Täter oder Opfer! Christen spüren wohl das Erpresserische solcher Alternativen - denen sie sich doch nicht leicht entziehen. Die in dieser Welt Schwachen stärken, sie wirksam schützen - doch wie, ohne sich selbst auf die Seite der Macht mitsamt ihren Optionen, Versuchungen und Gefahren zu schlagen? Uns ist gesagt, was die real existierende Welt braucht: nicht einen (falsch verstandenen) Frieden, sondern das Schwert Christi (Mt 10). Wir sollen Sand im Getriebe der Welt sein (Röm 12, kürzlich sonntägliches Predigtwort). Also doch Pflugscharen zu Schwertern statt umgekehrt (Joe 4 vs. Mi 4, Jes 2)? Wenn aber, wie erst kürzlich wieder betont wurde, Gewaltanwendung aus christlicher Sicht nicht legitimierbar ist, dann bleibt offenbar nur der andere Weg, nämlich derjenige, der die Weltgeschichte voller möglichst viel Geduld und Zuversicht begleitet, durch ihre sämtlichen Verästelungen, Mäander, Irrtümer und Sackgassen hindurch. Daß dieser Weg grundsätzlich gangbar ist, zeigen uns nicht zuletzt die Vorbilder, die wir im Zusammenhang der Apostelandachten würdigen. Die kritische Frage jedoch lautet, wie belastbar jene Geduld sein wird. Ahnen, wissen wir nicht schon jetzt, daß wir am Ende des Jahres 2010 dieselben wohlmeinenden, moralisierenden Appelle hören werden, die die Welt weder erklären noch verändern? Hinterläßt eine bestimmte, von Politikern, Kirchenvertretern und anderen immer wieder intonierte Sprache nicht zunehmend den schalen Geschmack falschen Zaubers? Wollen wir das? Wie lange wollen wir das noch? - Die Fragen sind suggestiv, aber sie müssen es sein und man muß sie so stellen, will man mit der Möglichkeit rechnen, daß doch wieder die Stunde der eingangs thematisierten Ungeduld schlägt. Wer diese Möglichkeit nicht kennt, riskiert, von ihr überrascht und überwältigt zu werden
Mein Anliegen besteht hier darin, dem eigentlichen Problem eine andere Sprache zu geben; es zum Sprechen und nach Möglichkeit zum Schreien zu bringen. - Wenn der geistlich eher desinteressierte „Spiegel“ die Frage zur Diskussion stellen möchte, welcher Gott denn wohl der stärkere sei, erhält man die einzig sinnvolle Antwort, indem man umgekehrt fragt, nämlich nach den Dingen, die Gott schwach machen. Ebenso, wie es Denkfaulheit gibt, gibt es eine Glaubensfaulheit und eine Liebesfaulheit, und das ist der Feind, dem unser Kampf gilt. Ich kann und will die gehörnte Bestie nicht vorführen, aber ich kann diesen Feind benennen. Jeder von uns kennt ihn, hat ihn auch an sich selbst erfahren. Er tritt auf als der „Taufscheinchrist“ in jedem von uns, der beizeiten auf jeden beliebigen Vorwand ansprechbar ist, sich von der christlichen Gemeinschaft abzugrenzen oder auch anderen den Zugang zu ihr auszureden oder zu erschweren; der die Wahrheit des Gotteswortes relativieren oder nicht weitergeben möchte; der vermeint, den Gekreuzigten nicht als Erlöser annehmen zu müssen; der sich einreden läßt oder selbst einredet, Gott ebenso gut oder besser durch Rückzug in eine private Wohlfühlspiritualität begegnen zu können... Solche Irrwege sind nicht harmlos. Es ist genau diese Indolenz, die Gott Tag für Tag in die Defensive drängt, und das vollzieht sich jederzeit, auch während wir hier versammelt sind. Wo aber Gott zurückweichen muß, gehen Menschen und Menschenleben verloren - und das kann man nicht „wörtlich“, nicht ernst genug verstehen. Mangelnde Wahrhaftigkeit im Glauben ist daher niemandes Privatproblem, sondern läßt uns auch unseren Mitmenschen gegenüber schuldig werden; daran führt kein Selbstbetrug vorbei. Wer es schwierig findet, sich den Antichristen als das monströse Tier vorzustellen, von dem bspw. der Seher Johannes berichtet, mag sich diese Einsicht aneignen und hat damit mehr verstanden, als alle theoretischen Systeme und Weltanschauungen zusammengenommen hergeben. Es hat etwas, jene Frage nach dem stärkeren Gott, es hat etwas recht Suggestives. Eine plausible Antwort, auch im Sinne des eben Ausgeführten, mag lauten, es geht um den stärkeren, den stärksten Glauben. Plausibel, aber nicht die ganze Antwort - schon deshalb nicht, weil auch der Glaube an eine falsche Sache überaus mächtig werden kann. Mehr noch, es kann dazu kommen, daß eine dunkle Kraft - eine Krankheit, ein Schicksalsschlag - den Glauben regelrecht aus einem Menschen herauszwingt, oder umgekehrt gesehen diesen Menschen aus dem Glauben herausdrückt, herausdrängt. Dennoch ist diese Macht, die den Glauben und die Hoffnung zu negieren scheint, nicht die stärkere, trotz aller bitteren Triumphe, die sie immer wieder zu erringen scheint. Sie siegt niemals, solange geglaubt und verkündet wird, daß auch dann Gott einen Menschen nicht fallen läßt; daß nichts und niemand als die freie Gnade Gottes das letzte Wort hat. Gegen diese Wahrheit kann das Böse nicht einmal wirksam kämpfen, noch weniger siegen. Aber es kommt entscheidend darauf an, daß diese Wahrheit weiterhin gesagt wird. Daß das geschieht, ist keineswegs selbstverständlich Die Macht der Gewohnheit allein wird es nicht gewährleisten, und darum sind auch wir in der Pflicht.
Auch die Gefahr, die uns droht, hat Umberto Eco benannt: Wir kennen nur noch den Namen der Rose; was uns bleibt, sind nichts als leere Namen[1]. Daher der Aufruf: Liebt Gott, liebt die Menschen, aber liebt auch die Kirche - bei allem, was an ihr beizeiten befremden kann, bei all ihren Fehlern und aller Schuld, die sie angehäuft hat. Ihr Schwächerwerden und Zurückweichen in dieser Zeit wird vielerorts mit einer grimmigen Genugtuung kommentiert, die uns gellend in den Ohren klingen muß, denn was da begrüßt wird, ist unsere Schwäche, in dem genannten Sinne tatsächlich Gottes Schwäche. Die Kirche gehört nicht sich selbst; sie gehört Gott und den Menschen. Wäre unser Gott tatsächlich ein im naiven Sinne „starker“ Gott, dessen Wesen Macht und nicht Liebe wäre, so bräuchten wir die Diskussion in dieser Form nicht zu führen. Die Liebe aber ist ein zartes Gewächs.
Text: Klaus-Dieter Schulz |




