Gottesdienste

Freitags um 19:30 Uhr: Die Vesper - gesungenes Abendgebet

mehr...

12.02.12 10:00 Uhr: Gottesdienst, Pastorin Urbach

mehr...

alle anzeigen

Veranstaltungen

08.02.12 19:00 Uhr: Frauenkirche 'Gott ist Liebe', Marguerite Poréte, Pastorinnen Urbach und Ande

mehr...

alle anzeigen

Kirchenmusik

11.02.12 17:45 Uhr: Choralblasen vom Turm der Christuskirche

mehr

alle anzeigen

Spendenprojekte

Unterstützen Sie den Freundeskreis der Kirchenmusik

mehr...

alle anzeigen

Apostelandacht zu Heinrich Albertz am 31.1.2010 in der Apostelkirche

Ansprache 1

Heinrich Albertz wurde 22. Januar 1915 in Breslau geboren, also vor fast genau 95 Jahren. Sein Vater war der bereits 69jährige reformierte Hofprediger Hugo Albertz, seine Mutter Elisabeth dessen zweite Ehefrau, 33 Jahre jünger als der Vater.

Das Elternhaus war stark monarchistisch geprägt. Pflichterfüllung, Gehorsam, Verlässlichkeit und Fleiß waren die Erziehungsideale preußischer Pastorenfamilien.

Auch nach dem Tod des 77jährigen Vaters blieb er mit seiner Mutter in Breslau.

Von besonderer Bedeutung für ihn war eine Begegnung mit dem viel älteren Stiefbruder in Berlin Anfang 1933, wo dieser als Oberpfarrer an der St. Nikolai-Kirche und als Superintendent des Kirchenkreises tätig war.

„Ich verdanke es ja nur meinem sehr viel älteren Stiefbruder, dass der mich fix 1933 bei einem Spaziergang hier durch den Brieselangschen Forst bei Spandau darüber belehrt hat, dass ein Albertz nie Nationalsozialist werden könnte. Als ich da aufmüpfig wurde, hat er mir dies sogar mittels einer Ohrfeige klargemacht.“

Im gleichen Jahr begann er mit dem Studium der Theologie zunächst in Breslau, wechselte dann nach Halle und Berlin.

Besonders die Schriften von Karl Barth beeinflussten Albertz nachhaltig. Seine sonstigen Interessen und sein Einsatz für die Bekennende Kirche hielten ihn aber von konzentrierter Arbeit ab. Er bracht vielfach als Kurier konspirativ Briefe ins Ausland.

Nach dem bestandenen 1. Theologischen Examen bekam er zunächst eine Stelle als Lehrvikar in Berlin.

1939 heiratete Albertz, das Ehepaar bekam drei Kinder.

Schließlich wurde Albertz Pfarrer im Auftrag der Bekennenden Kirche in der Patronatsgemeinde einer adligen Familie in Schlesien.

In einer Predigt sagte er 1941 über den seit 1937 inhaftierten Martin Niemöller: „Wir können stolz sein, dass Martin Niemöller ein Pfarrer unserer Kirche ist und bleibt.“

Das führte zu seiner Festnahme und Verurteilung zu zwei Monaten Haft. Noch im Gerichtssaal entschied er sich zum Eintritt ins Militär. Die Strafe musste er deshalb nicht in einem Konzentrationslager absitzen, sondern in der Festung Glatz. Aufgrund der guten Verbindungen seines Patrons wurde Albertz nie an die Front versetzt, sondern blieb Mitarbeiter in der Schreibstube des Chefs der Heeresgruppe Süd, beim General von Grohmann.

Unmittelbar nach dem Kriegsende machte er sich von Bayern aus auf den Weg ins niedersächsische Celle, um dort die Familie wiederzutreffen. Durch die Bekanntheit seines Stiefbruders wurde Albertz von der Kriegsgefangenschaft verschont und am 1. August 1945 Flüchtlingspfarrer in Celle.

Nur zwei Monate später übernahm er auch das städtische Flüchtlingsamt; die englische Besatzungsmacht berief ihn schließlich in den neuen Celler Stadtrat.

Von 1946 bis 1948 war er Leiter des Flüchtlingsamtes für den Regierungsbezirk Lüneburg.

1946 trat er in die SPD ein, denn nach seiner Ansicht ließ sich das Flüchtlingsproblem nur politisch und im Rahmen einer Partei lösen.

Er ging zur Sozialdemokratie, überzeugt, dass Sozialisten sich um leidende und bedürftige Menschen kümmerten und dadurch Gottesdienst betrieben wie die Kirche selbst. Diese Überzeugung teilte er mit seinem Vorbild Karl Barth.

1950 wählten ihn die Delegierten eines SPD-Bundesparteitags in den Parteivorstand.

Albertz ergriff Partei für Martin Niemöller gegen die Politik der Westintegration Adenauers. Er wurde um der deutschen Einheit willen zum erbitterten Gegner der Wiederbewaffnung, zum Feind der Westbindung, zum Anhänger der Blockfreiheit und Kämpfer für eine aktive Wiedervereinigungspolitik.

Als die SPD in Niedersachsen in die Opposition musste, nahm Albertz im Mai 1955 ein Angebot aus Berlin an, Senatsdirektor beim Senator für Volksbildung zu werden.

Kurz darauf wurde er der erste Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt.

1959 wurde er Chef der Senatskanzlei.

Am 13. August 1961 errichtete die DDR die Berliner Mauer. Albertz war schockiert über die zurückhaltende Art und Weise, mit der die Alliierten und Bundeskanzler Adenauer diese Vorgänge aufnahmen. Es bestärkte ihn, in der Berlinpolitik fortan eigene, von Bonn unabhängige Wege zu gehen. Nach seiner Überzeugung ließ sich die Einheit der Nation nur bewahren, wenn man von zwei deutschen Staaten ausging, die miteinander verhandelten. Das war damals in der Bundesrepublik auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs eine Außenseitermeinung, die auf wütenden Protest in der Öffentlichkeit stieß.

Die Lage in Berlin spitzte sich weiter dramatisch zu, als am 17. August 1962 der Ost-Berliner Arbeiter Peter Fechter nach einem Fluchtversuch von Grenztruppen der DDR angeschossen wurde und im Stacheldraht verblutete. Über eine Stunde lang hatte der Verletzte auf Ost-Berliner Gebiet gelegen, ohne dass ihm geholfen wurde. Bei den nun folgenden Massendemonstrationen auf Westberliner Seite ließ Albertz mit einem großen Polizeiaufgebot die Mauer schützen.

1966 wurde Willy Brandt Außenminister der Großen Koalition in Bonn. Heinrich Albertz trat seine Nachfolge als Regierender Bürgermeister von Berlin an.

Er entmachtete zügig den rechten Parteiflügel der SPD. Interne Konflikte und Richtungsstreitigkeiten in der SPD erschwerten ihm die Arbeit; aber auch er selbst provozierte seine innerparteilichen Gegner gern. So versuchten etliche Parteifreunde mit allen Mitteln, Albertz zu stürzen.

Bei Demonstrationen von Studenten aus Anlass eines Besuchs des Schah von Persien kam es zu heftigen Schlägereien zwischen den Demonstranten und den eigens für den Besuch eingeflogenen „Jubelpersern“. Die Polizei war von Albertz angewiesen, mit aller Härte durchzugreifen; die Demonstrationen wurden schließlich mit Gewalt aufgelöst: Dabei kam der Student Benno Ohnesorg ums Leben. Der Polizeipräsident sprach von der Notwehr eines lebensgefährlich bedrohten Polizeibeamten und einem Warnschuss, der als Querschläge den Studenten getroffen habe. Es war aber ein gezielter Schuss, wie sich schnell herausstellte.

Albertz versuchte zunächst, das Vorgehen der Polizei öffentlich zu rechtfertigen. Als er aber mitbekam, dass er getäuscht worden war, änderte sich seine Haltung. Er fühlte sich schuldig an den gewalttätigen Auseinandersetzungen und bekannte das auch öffentlich, was ihm scharfe Kritik aus allen politischen Lagern und aus der Öffentlichkeit eintrug.

Albertz empfand: Er hatte nicht auf seinen Gott gehört, wie es das erste Gebot fordert, sondern mehr auf seinen Polizeipräsidenten.

Der Berliner Bischof Kurt Scharf war in diesen Tagen sein engster Berater, Seelsorger und Freund. In seiner letzten Rede vor dem Abgeordnetenhaus bekannte Albertz schließlich:

„Ich glaube, ich bin hart geworden in diesen Monaten, zuerst gegen mich selbst, um durchzuhalten, was in dieser Stadt und in dieser Lage auf den Regierenden Bürgermeister zukommt. Aber ich habe auch gelernt, wie fragwürdig pauschale Forderungen sein können, in Entscheidungslagen, wo nicht Härte oder Weichheit das Problem ist, sondern das Richtige oder das Falsche zu tun. An mir selbst dargestellt: Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war, in jener Nacht des 2. Juni, weil ich dort objektiv das Falsche tat.“

Nach den Rücktritten von zwei Senatoren fand Albertz keine Mehrheit für die Neubildung des Senats und trat selbst zurück, nach nur 285 Tagen im Amt.

Für Albertz war das erste Gebot eine zentrale Richtschnur in seinem Leben:

Er schreibt: „

„Das erste Gebot hat immer seine schneidende Rolle gespielt, schneidend und heilend zugleich und war schließlich auch der tiefste Grund für mein Ausscheiden aus der Versuchung der Macht im Jahre 1967 in Berlin“.

Sein Freund Bischof Scharf bat ihn danach, gemeinsam mit Günter Grass als Vermittler zwischen den Staatsorganen und den Studenten tätig zu werden. Zusammen mit anderen erreichte er schließlich auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in der Stadt die Aufhebung eines Demonstrationsverbotes per Richterspruch und beruhigte damit die Lage, so dass die Demonstration friedlich verlief.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im Frühjahr 1968 bekannte er auf einer Versammlung von Studenten:

„Ich spreche als einer, der viele bittere Enttäuschungen mit sich selbst und mit anderen erlebt hat und der trotzdem glaubt, dass noch nicht alles verloren ist.“

Er wurde von den Protestierenden als Vermittler akzeptiert und ergriff nun immer häufiger das Wort, um zu brisanten Fragen Stellung zu beziehen.

Der Rücktritt vom Amt des Regierenden Bürgermeisters und das Eingeständnis des Scheiterns veränderten Albertz tiefgreifend. Das Kalte, Unnahbare wich.

Psalm 23 und das 1. Gebot erneuerten noch einmal seine Grundlage von Glauben und Leben.

„Auf Herrschenwollen verzichten“:

 Die radikale Befreiung, die wir erfahren, wenn wir uns auf den Gott des ersten Gebotes einlassen, macht uns zugleich frei von jeder ernsthaften Angst. Nicht dass wir uns nun gar nicht mehr fürchten würden. Aber wir lernen, uns nicht mehr zu fürchten, als es unbedingt notwendig ist. Die Freiheit Gottes schenkt uns im letzten unerschütterliche Gelassenheit.

 Wenn wir begriffen haben, dass es nur einen wirklichen Herrn gibt, haben wir es leichter, auf das eigene Herrschenwollen zu verzichten. Die Beherrschung des Menschen durch Menschen ist eine zutiefst unchristliche Sache – ich wiederhole: auch wenn sie im christlichen Gewande auftritt.

1974 berief ihn die Berliner Kirchenleitung als Pfarrer an die Johannes-Gemeinde in Schlachtensee, in der er bis zu seiner Pensionierung tätig war.

Im Februar 1975 entführten Terroristen den CDU-Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Berlin, Peter Lorenz. Sie verlangten, dass Albertz als Garant für die Erfüllung ihrer Forderungen nach Freilassung der inhaftierten Gesinnungsgenossen mit zum vereinbarten Übergabeort fliegen sollte.

Am Sonntag predigte Albertz noch im Gottesdienst seiner Schlachtenseer Gemeinde. Abends flog er nach Frankfurt und von dort mit den freigelassenen Gefangenen nach Aden. Das Fernsehen übertrug den Abflug live. Nach seiner Rückkehr von der abenteuerlichen und gefährlichen Reise wurde der entführte Peter Lorenz von den Terroristen freigelassen.

Mit Kurt Scharf und Helmuth Gollwitzer blieb Albertz anschließend weiter im Gespräch mit den RAF-Terroristen. Er besuchte sie in den Gefängnissen, denn: „Sie sind doch unsere Söhne und Töchter!“

In der folgenden Zeit wurde Heinrich Albertz zur „Klagemauer der Nation“. Plötzlich sollte der Pfarrer überall dort helfen, wo junge Menschen glaubten, kein Gehör zu finden.

1979 ging er in den Ruhestand. Nach wie vor hielt er aber Gottesdienste in Berlin-Schlachtensee und engagierte sich in der Friedensbewegung gemeinsam mit Helmut Gollwitzer, Kurt Scharf, Heinrich Böll, Walter Jens und anderen gegen den Nachrüstungsbeschluss der NATO. Mit weiteren Prominenten beteiligte er sich im September 1983 an der Blockade des US-Atomwaffendepots in Mutlangen.

1986 siedelte das Ehepaar Albertz nach Bremen in ein Altenheim über. Auch hier war er noch Pastor, predigte häufig in der Kirche St. Stephani. Er nahm er am politischen Tagesgeschehen teil, fuhr zu Vorträgen.

Regelmäßig sprach er im Fernsehen das „Wort zum Sonntag“, war Referent, Mahner und Diskutant bei den „Deutschen Evangelischen Kirchentagen“ und verfasste viele Bücher, veröffentlichte seine Predigten, Reden und Vorträge.

Dennoch ist es vor allem die Ruhe des Lebensabends, die Entdeckung der Langsamkeit, die die letzten Jahre prägten:

Er schrieb in seinem Buch „Am Ende des Weges, Nachdenken über das Alter“:

„Sorgt nicht um euer Leben“ – was heißt das also? Es bedeutet wohl zuerst eine schier unglaubliche Freiheit von der Lebensangst. Der Mensch, der dem Jesus Christus begegnet ist, kann mit seiner Furcht fertig werden. Aber Furchtlosigkeit heißt nicht Lethargie, nicht Resignation, nicht Wurstigkeit. Freiheit von dieser Angst heißt durchaus, im Getümmel stehen, redend, handelnd, Partei ergreifend, aber zugleich wissend, Partei, Auseinandersetzung, Leistung, Karriere, der Ablauf der Jahre, das Altwerden, der Tod – das ist alles nicht das Letzte, nicht das Ziel, nicht die Mitte und der Sinn. Mitte und Sinn gibt der, der in unserem Evangelium redet, der selbst dieses Evangelium ist. Was wir tun oder nicht tun, ist Widerschein, Abglanz, Spiegel in einem dunklen Wort. Freiheit von Lebensangst, von kleiner bedrückender, auf den Tag schauender Sorge ist eben die königliche Freiheit der Kinder Gottes, von der das Neue Testament von der ersten bis zur letzten Zeile redet.“

Und er genießt die ihm vergönnte Ruhe:

„Nichts ist schöner, als mit dir in der Abendsonne auf einer Bank zu sitzen - dicht am Hause vor unserer schönen Wiese, in dem herrlichen Park ganz in unserer Nähe, im alten Riensberger Friedhof. Wir erzählen uns die alten Geschichten, von Glück und Unglück in unserem Leben, von Kindern und Enkeln. Wir sehen in die grünen Bäume hinauf, wie Dome über uns gewölbt, ins Wasser zu unseren Füßen, und sehen in seinem Spiegel den Himmel auf Erden«

Ein Krebsleiden machte Albertz schwer zu schaffen. Er verlor aber nicht die Hoffnung, den Gedanken an die Erlösung:

„Jesus Christus hat gesagt, dass es eine Hoffnung gibt. Eine unbeschreibliche, unbeschreibliche Hoffnung: dass das Leben weitergeht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass wir im Sterben nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes.“

Er starb am 18. Mai 1993 im Alter von 78 Jahren im Kreis seiner Familie. In seinem Leben hat er das demokratische Profil der Bundesrepublik und den Protestantismus über die Grenzen des Landes hinaus entscheidend mitgeprägt.

In seiner Traueranzeige stand das Wort aus dem Psalm 23, wie ein Schlüssel zu seinem Leben, zu seinem Wirken, seinem Leiden und auch seinem Sterben: „Und ob ich schon wandere im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.“

 

Text: Rolf Polle

Ansprache 2

Der stählerne Traum und sein Schatten

 

„Die Eile“, entgegnet in Umberto Ecos berühmtem Roman Der Name der Rose der Franziskaner und Naturphilosoph William von Baskerville auf die Frage seines Novizen, was ihn denn an den Eiferern und Apokalyptikern der Zeit so erschrecke. Die Eile, die Gottes Gericht vorwegnehmen oder zumindest durch äußerste Zuspitzung der irdischen Verhältnisse vorzeitig erzwingen möchte. Die Eile, die das eigene Leben so gering wie das anderer achten läßt. Die Eile, die in letzter Konsequenz der Schöpfung mehr Glanz verleihen möchte, indem sie diese in Brand steckt.

            Die expressive Gewalt, um die es hier geht (und die auch verbaler oder symbolischer Art sein kann), entfacht zugleich einen Rausch eigener Art. Das böse Erwachen wird oder soll überdies niemand mehr erleben, wenigstens „ich“ nicht. Da es um den höchsten Preis geht, gilt auch nur der höchste Einsatz. Daß nicht jeder zu diesem Opfer bereit ist, irritiert kaum, bestätigt eher noch das eigene Bewußtsein, die Speerspitze der Vorbestimmung zu bilden. „Spüre die Angst des Feindes, verachte ihn, nutze jede Schwäche.“

            Nahe der Wurzel all dessen findet sich jene existentielle Ungeduld, deren meist harmlose, banale Alltagsform wir alle kennen. Die Eile, so scheint es, benötigt keine gesonderte Begründung. Es genügt, daß, umgekehrt, ich den Grund zu warten nicht sehe. Es genügt, daß jene Frage, deren abstrakte Form Warum warten? lautet, einen entscheidenden Moment lang unbeantwortet bleibt. In diesem Moment einer ausbleibenden Antwort wird mein Maß zum Maß der Welt, womöglich zum Maß Gottes.

            Der Böse weiß, daß ihm wenig Zeit bleibt (Off 12) - und in dieser Feststellung drückt sich eigentlich nur anders aus: er weiß, daß er auf verlorenem Posten steht; daß er im Grunde immer schon gerichtet ist; daß sein Kampf verfehlt und vergeblich ist. Es hält ihn nicht ab, im Gegenteil: Eben dieses Wissen, so sagt es die Schrift, entfacht seine grenzenlose Destruktivität. Dieser fundamentale Umstand schreibt sich ein in (quasi-)religiöse wie auch rein weltliche Zusammenhänge. - Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland insbesondere in den 70er Jahren dokumentiert das Gesagte. Die Bilder und Ereignisse jener Tagen verblassen im kollektiven Gedächtnis bereits deutlich - und werfen womöglich doch einen Schatten, der sich in unerwarteten Momenten abzeichnet. Die Konflikte unserer Tage scheinen sich anders darzustellen - und doch ist unter veränderten Vorzeichen wieder vom Terror und seiner Bekämpfung die Rede. Nachdenken ist geboten, ob sich jene Geschichte nicht doch wiederholt, und sei es als eine Art mörderischer Treppenwitz.

„Was du bekämpfst, machst du nur stärker“ - dieser vor etlichen Jahren in Teilen der alternativen Szene gebräuchliche Slogan bewahrheitete sich auf verstörende Weise. Die von den Theoretikern sogenannte Dialektik des bewaffneten Kampfes war auf keiner der beteiligten Seiten mehr kontrollierbar - oder auch nur ganz durchschaubar. Niemals war der Sicherheitsapparat - das „Stahlnetz“ - trotz vereinzelter Fehler und Pannen so souverän, niemals die selbsternannte Guerilla so isoliert wie auf dem Höhepunkt der Geiselnahmen. Zwanzig Gewehre gegen 200.000! Zugleich aber wirkte die Demokratie niemals so fraglich, in ihrem Wesen regelrecht „verdünnt“ und fadenscheinig wie in eben denselben Tagen, als sie die eigene Wertordnung zur Abwehr tatsächlicher und/oder vermeintlicher Gefahren selbst zu relativieren schien.

Der einzige Erfolg, den diese vermeintliche „Bewegung“ jemals errang, bestand darin, die Organe des Staates in die Logik der Verachtung und Mißachtung hineinzuziehen. Terroristen und Politiker, Heckenschützen und Krisenstab wurden gespenstische Komplizen in der Eskalation von Gewalt und Gegengewalt, von beiderseitigen Grenzübertretungen. So schien mit alledem die Gesellschaft in den Augen mancher demaskiert, die bewaffnete Revolte am Ende doch gerechtfertigt. Es gab keinen deutschen Ghandi oder Mandela, der diese Zirkellogik der Gewalt durchbrochen hätte. Stattdessen gab es nur wenige, die sich der Festungsmentalität entzogen, etwa Heinrich Albertz. Auf die Eskalation folgte schließlich doch die Deeskalation, aber die Rückkehr zur Normalität wirkte nachhaltig trügerisch. Die Bundesrepublik überlebte, doch sie erreichte dieses Ziel nur um einen hohen Preis, der nicht nur den unmittelbaren Opfern der Gewalt und der Übergriffe abverlangt wurde. Ein Sieg der Demokratie hätte den Nachweis erfordert, die Überlegenheit unverrückbarer Werte und Prinzipien auf der eigenen Seite zu wissen. Die Macht und ihre Sekundärtugenden zu mobilisieren genügte letztlich nicht. Der Terror - eine List der Vernunft? - Der Staatsgewalt gilt dieselbe Frage, und die Antwort ist bis heute nicht offensichtlich.

 

Deutschland im Herbst - Deutschland im Winter: Ein Szenenwechsel - oder vielleicht auch nicht. Jahrzehnte später scheint die Welt nicht bereiter für den Frieden, nicht befreiter auch von den ethischen Dilemmata, die sich mit den Fragen nach Gewalt, Gegengewalt, Widerstand und zivilem Ungehorsam verbinden. Die Frage selbst, mit den Entscheidungen, die sie einfordern will, hat oft genug etwas Gewaltsames: Hammer oder Amboß sein (oder das, was dazwischen gerät), Täter oder Opfer! Christen spüren wohl das Erpresserische solcher Alternativen - denen sie sich doch nicht leicht entziehen. Die in dieser Welt Schwachen stärken, sie wirksam schützen - doch wie, ohne sich selbst auf die Seite der Macht mitsamt ihren Optionen, Versuchungen und Gefahren zu schlagen?

Uns ist gesagt, was die real existierende Welt braucht: nicht einen (falsch verstandenen) Frieden, sondern das Schwert Christi (Mt 10). Wir sollen Sand im Getriebe der Welt sein (Röm 12, kürzlich sonntägliches Predigtwort). Also doch Pflugscharen zu Schwertern statt umgekehrt (Joe 4 vs. Mi 4, Jes 2)? Wenn aber, wie erst kürzlich wieder betont wurde, Gewaltanwendung aus christlicher Sicht nicht legitimierbar ist, dann bleibt offenbar nur der andere Weg, nämlich derjenige, der die Weltgeschichte voller möglichst viel Geduld und Zuversicht begleitet, durch ihre sämtlichen Verästelungen, Mäander, Irrtümer und Sackgassen hindurch. Daß dieser Weg grundsätzlich gangbar ist, zeigen uns nicht zuletzt die Vorbilder, die wir im Zusammenhang der Apostelandachten würdigen.

Die kritische Frage jedoch lautet, wie belastbar jene Geduld sein wird. Ahnen, wissen wir nicht schon jetzt, daß wir am Ende des Jahres 2010 dieselben wohlmeinenden, moralisierenden Appelle hören werden, die die Welt weder erklären noch verändern? Hinterläßt eine bestimmte, von Politikern, Kirchenvertretern und anderen immer wieder intonierte Sprache nicht zunehmend den schalen Geschmack falschen Zaubers? Wollen wir das? Wie lange wollen wir das noch? - Die Fragen sind suggestiv, aber sie müssen es sein und man muß sie so stellen, will man mit der Möglichkeit rechnen, daß doch wieder die Stunde der eingangs thematisierten Ungeduld schlägt. Wer diese Möglichkeit nicht kennt, riskiert, von ihr überrascht und überwältigt zu werden

 

Mein Anliegen besteht hier darin, dem eigentlichen Problem eine andere Sprache zu geben; es zum Sprechen und nach Möglichkeit zum Schreien zu bringen. - Wenn der geistlich eher desinteressierte „Spiegel“ die Frage zur Diskussion stellen möchte, welcher Gott denn wohl der stärkere sei, erhält man die einzig sinnvolle Antwort, indem man umgekehrt fragt, nämlich nach den Dingen, die Gott schwach machen. Ebenso, wie es Denkfaulheit gibt, gibt es eine Glaubensfaulheit und eine Liebesfaulheit, und das ist der Feind, dem unser Kampf gilt.

Ich kann und will die gehörnte Bestie nicht vorführen, aber ich kann diesen Feind benennen. Jeder von uns kennt ihn, hat ihn auch an sich selbst erfahren. Er tritt auf als der „Taufscheinchrist“ in jedem von uns, der beizeiten auf jeden beliebigen Vorwand ansprechbar ist, sich von der christlichen Gemeinschaft abzugrenzen oder auch anderen den Zugang zu ihr auszureden oder zu erschweren; der die Wahrheit des Gotteswortes relativieren oder nicht weitergeben möchte; der vermeint, den Gekreuzigten nicht als Erlöser annehmen zu müssen; der sich einreden läßt oder selbst einredet, Gott ebenso gut oder besser durch Rückzug in eine private Wohlfühlspiritualität begegnen zu können...

Solche Irrwege sind nicht harmlos. Es ist genau diese Indolenz, die Gott Tag für Tag in die Defensive drängt, und das vollzieht sich jederzeit, auch während wir hier versammelt sind. Wo aber Gott zurückweichen muß, gehen Menschen und Menschenleben verloren - und das kann man nicht „wörtlich“, nicht ernst genug verstehen. Mangelnde Wahrhaftigkeit im Glauben ist daher niemandes Privatproblem, sondern läßt uns auch unseren Mitmenschen gegenüber schuldig werden; daran führt kein Selbstbetrug vorbei. Wer es schwierig findet, sich den Antichristen als das monströse Tier vorzustellen, von dem bspw. der Seher Johannes berichtet, mag sich diese Einsicht aneignen und hat damit mehr verstanden, als alle theoretischen Systeme und Weltanschauungen zusammengenommen hergeben.

            Es hat etwas, jene Frage nach dem stärkeren Gott, es hat etwas recht Suggestives. Eine plausible Antwort, auch im Sinne des eben Ausgeführten, mag lauten, es geht um den stärkeren, den stärksten Glauben. Plausibel, aber nicht die ganze Antwort - schon deshalb nicht, weil auch der Glaube an eine falsche Sache überaus mächtig werden kann. Mehr noch, es kann dazu kommen, daß eine dunkle Kraft - eine Krankheit, ein Schicksalsschlag - den Glauben regelrecht aus einem Menschen herauszwingt, oder umgekehrt gesehen diesen Menschen aus dem Glauben herausdrückt, herausdrängt. Dennoch ist diese Macht, die den Glauben und die Hoffnung zu negieren scheint, nicht die stärkere, trotz aller bitteren Triumphe, die sie immer wieder zu erringen scheint. Sie siegt niemals, solange geglaubt und verkündet wird, daß auch dann Gott einen Menschen nicht fallen läßt; daß nichts und niemand als die freie Gnade Gottes das letzte Wort hat. Gegen diese Wahrheit kann das Böse nicht einmal wirksam kämpfen, noch weniger siegen. Aber es kommt entscheidend darauf an, daß diese Wahrheit weiterhin gesagt wird. Daß das geschieht, ist keineswegs selbstverständlich Die Macht der Gewohnheit allein wird es nicht gewährleisten, und darum sind auch wir in der Pflicht.

 

Auch die Gefahr, die uns droht, hat Umberto Eco benannt: Wir kennen nur noch den Namen der Rose; was uns bleibt, sind nichts als leere Namen[1]. Daher der Aufruf: Liebt Gott, liebt die Menschen, aber liebt auch die Kirche - bei allem, was an ihr beizeiten befremden kann, bei all ihren Fehlern und aller Schuld, die sie angehäuft hat. Ihr Schwächerwerden und Zurückweichen in dieser Zeit wird vielerorts mit einer grimmigen Genugtuung kommentiert, die uns gellend in den Ohren klingen muß, denn was da begrüßt wird, ist unsere Schwäche, in dem genannten Sinne tatsächlich Gottes Schwäche. Die Kirche gehört nicht sich selbst; sie gehört Gott und den Menschen. Wäre unser Gott tatsächlich ein im naiven Sinne „starker“ Gott, dessen Wesen Macht und nicht Liebe wäre, so bräuchten wir die Diskussion in dieser Form nicht zu führen. Die Liebe aber ist ein zartes Gewächs.

 

Text: Klaus-Dieter Schulz



[1] Sinngemäße Übersetzung, Lat.: Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus