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Konzertreise 23.9.2005 bis 26.9.2005


Bildungskonzert und evangelische Diaspora

Die Konzertfahrt der schola cantorum st. stephanus, Hamburg-Eimsbüttel nach Breslau und Liegnitz war die Reise wert
Polnische Volksfrömmigkeit und charmante Freundlichkeit sind sprichwörtlich. Vom 23. bis 26. September 2005 hatte die schola cantorum st. stephanus glückliche Gelegenheit, das Sprichwort zu überprüfen, im Gepäck ein Programm alter Meister von Aichinger über di Lasso, Sweelinck u.a. bis zu den Lamentations of Jeremiah von Thomas Tallis als Hauptwerk.
Die schola cantorum st. stephanus wurde 1983 gegründet. Sie ist einer der wenigen Kammerchöre in Norddeutschland, der unbekannte Geistliche Chormusik des 12. bis 17. Jahrhunderts und Gregorianik aufführt. Hörer in Gottesdiensten und Konzerten sollen angesprochen und vertraut gemacht werden mit der Chormusik des Mittelalters. Die schola cantorum st. stephanus hat in den letzten zwanzig Jahren an vielen Orten Norddeutschlands gesungen und zahlreiche Motetten, Hymnen und Messen deutscher, niederländischer, spanischer, polnischer und englischer Meister aufgeführt.
Zustande gekommen war die Reise nach Polen durch den Kontakt des Leiters des Ensembles, Friedemann Kannengießer, zum Rektor der Musikhochschule in Warschau, Prof. Andrzej Chorosinski, dessen Vermittlung die schola cantorum st. stephanus ebenso dankbar ist, wie dem Kulturzentrum Liegnitz, das Reisekosten und Unterbringung finanziert hat. Darüber hinaus waren die Leiterin der Konzertreihe mit klassischer Musik am Liegnitzer Dom, in deren Rahmen der Kammerchor am Sonntag Nachmittag auftrat, zusammen mit ihrer Dolmetscherin ein bewunderungswürdiges Vorbild an Hilfsbereitschaft, Betreuung und Höflichkeit, dass man gerade als Hamburger an den Rand ungläubigen Staunens geriet.
Aber auch alle anderen, mit denen man in Kontakt kam, sei es, man fragte nach dem Weg oder irgendein anderes Anliegen, wildfremde Menschen waren außerordentlich hilfsbereit. Bei den Mitgliedern des Chores bewegt sich die polnische Sprache noch unterhalb des Mallorca-Standard-Wortschatzes, und trotzdem hatte man immer das Gefühl, gut aufgehoben zu sein sich an jedermann wenden zu können. Großes Wohlwollen erntete das Gastland auch durch seine vergleichsweise er-freulichen Spritpreise, egal wer oder was betankt wurde.
Gesungen wurde auch. Das erste Konzert am Sonntag Vormittag in der evangelischen Hauptkirche "Bozej Opatrznosci" in Breslau bei der nur ca. 650-köpfigen evangelischen Gemeinde war zur ersten Hälfte in den dortigen Gottesdienst eingebunden, der dann bruchlos in die zweite Konzerthälfte überging. So saßen die Besucher plötzlich in einem Konzert alter Musik. und hängten noch eine halbe Stunde dran. Selten hat die schola cantorum st. stephanus so viel ehrlich erfreuten Applaus geerntet.

Das Konzert in Liegnitz war von anderer Art, rief aber ebenso positive Reaktionen hervor. Vor jedem Konzertteil gab die Leiterin der Konzertreihe Informationen zu Werken und Komponisten und steigerte so den Bildungswert der Veranstaltung, was vom Publikum offenbar angenommen wurde. Über das Thema Applaus lässt sich seitenweise streiten, hier wurde nach jedem, u. U. auch nur zweiminütigen Stück geklatscht, was eine solide Erziehung und gute Absicht verriet. Wie am Vormittag kam von einzelnen Besuchern wie auch vom Veranstalter ein herzliches und fast irritierend positives Feedback. Bevor man die grundsätzliche polnische Begeisterung heraussortiert hatte, saß man schon vorm Abendbierchen und ließ es erstens auf sich beruhen und zweitens sich gut gehen.
Eine Wiederholung ist zumindest gedanklich bereits geplant, viel-versprechende Kontakte dazu wurden auf dieser Reise schon geknüpft. So konnte die schola cantorum st. stephanus in ihrem langen Bestehen ein vor allen Dingen menschlich erfolgreiches Kapitel hinzufügen, für das sie allen, die daran beteiligt waren tief dankbar ist.

Achim Grützmacher